Die Planung eines Märchens

Das Cha Cha Cycling Team gewann den Schweizer Meistertitel im Ultracycling für Viererteams. Die aus verschiedenen Disziplinen kommenden Fahrer zwischen 27 und 38 Jahren taten sich erst vor drei Jahren zusammen. Bausteine des Erfolgs waren Disziplin, Wille – und eine perfekte Logistik.

Yves Solenthaler
Drucken
Teilen
Erste Schweizer Meister im Ultracycling für Viererteams: (von links) Daniel Büchel, Markus Rohner, Marcel Fürer und Marcel Lenherr vom Team Cha Cha Cycling haben die Strapazen an der Tortour (1025 km, 12 500 Höhenmeter) bravourös gemeistert. (Bild: Yves Solenthaler)

Erste Schweizer Meister im Ultracycling für Viererteams: (von links) Daniel Büchel, Markus Rohner, Marcel Fürer und Marcel Lenherr vom Team Cha Cha Cycling haben die Strapazen an der Tortour (1025 km, 12 500 Höhenmeter) bravourös gemeistert. (Bild: Yves Solenthaler)

RADSPORT. Marcel Fürer (Heerbrugg), Markus Rohner (Berneck), Marcel Lenherr (Lüchingen) und Daniel Büchel (Rebstein) sitzen auf dem Sofa bei Radsport Frei in Au und erzählen von ihrem Team und vor allem reden sie über den Schweizer Meistertitel. Es sind Geschichten über die Tortour, die genau so ist, wie sie heisst: Über 1000 Kilometer, mehr als 12 000 Höhenmeter – und das nonstop. In der Nacht, bei Regen und in brütender Hitze.

Ein Team für die Tortour

Die Gründung des Cha Cha Cycling Teams geht auf die Initiative von Markus Rohner zurück. Der 32-Jährige kommt aus dem Triathlon, er hatte als Jugendlicher mehrmals den Rhyathlon gewonnen, dann aber eine Weile keinen Sport mehr gemacht.

Vor drei Jahren kam der Moment, «in dem ich wieder etwas reissen wollte». Rohner sass an einem Freitagabend vor seinem Computer und googelte: «Härtestes Radrennen der Schweiz». So entdeckte er die Tortour. Er schrieb Mails «an sicher 30 Leute, die Radsport betreiben.» Rohner erhielt drei Antworten – von Marcel Fürer (inzwischen 38-jährig), Marcel Lenherr (33) und Florian Ludin (29). An der Kilbi konnte er darauf noch den Jüngsten des Teams, Daniel Büchel (27-jährig), zum Mitmachen bewegen: «Ich kannte Daniel nur über meine Frau, die im gleichen Turnverein ist wie er. Aber er hat auf dem Platz zugesagt.» Die Männer trafen sich darauf auf dem St. Anton – und beschlossen, an der Tortour 2013 zu starten. Florian Ludin, das fünfte Gründungsmitglied, gehört zum B-Team des Cha Cha Cycling Teams.

An der ersten Tortour fuhr das Rheintaler Team auf den fünften Rang. Das war für die Neulinge eine beachtliche Leistung. 2014 liess Cha Cha die Tortour aus, In diesem Jahr, in dem erstmals Schweizer Meistertitel vergeben wurden, kehrte es zurück. Und gewann die Goldmedaille. Dabei haben zwar alle vier Teamfahrer eine rennsportliche Vergangenheit, aber zum Teil in anderen Disziplinen (Lenherr war etwa ein Marathon-Mountainbiker) oder liegt wie bei Marcel Fürer schon eine Weile zurück.

Deshalb erinnert der Schweizer Meistertitel in so kurzer Zeit an ein Märchen – das Wort fällt denn im Gespräch mit dem Quartett auch mehrmals.

Halbe Strecke rekognosziert

Aber natürlich war auch die Erfahrung der ersten Teilnahme lehrreich. Hat es das Team verstanden, aus den Fehlern der ersten Teilnahme zu lernen? Marcel Fürer sagt: «Fehler hatten wir schon vor zwei Jahren keine gemacht. Aber es gab Punkte, die wir optimiert haben.» Zum Beispiel, dass jeder Fahrer zwei Velos dabei hat (eines fürs Zeitfahren), und dass man die Helfer-Crew präziser vorbereiten konnte. Und weil in einem solchen Rennen vieles Kopfsache ist, hat das Team Cha Cha mit Danny Grünenfelder einen Mentaltrainer beigezogen.

Die akribische Vorbereitung war matchentscheidend: In der Etappe, in der Marcel Lenherr den Fahrer des konkurrierenden Teams distanzieren konnte, hatte er das geeignetere Rad: Am ersten August-Wochenende hat das Team einige Etappen abgefahren, insgesamt etwa die Hälfte der Strecke: «Daher wusste ich, dass für dieses Teilstück das Rennrad besser geeignet war als das Zeitfahr-Velo – und so kam es dann auch.» Den Sieg fuhr das gesamte Team auf dem abschliessenden 40-Kilometer-Mannschaftszeitfahren nach Hause. Vorher musste in der letzten Einzel-Etappe Marcel Fürer den Vorsprung verteidigen: «Dabei wurden die Strapazen wirklich gross – physisch und psychisch.» Erschwert wurde das Unterfangen durch Fürers Karbon-Rad: «Die Ampeln mit Sensoren reagieren nur auf Metall, also brauchte ich immer ein Auto neben mir, um losfahren zu können.» Am Anfang war der Team-Wagen nicht dabei, später konnte dann dieser für Fürer auf Grün stellen.

An der Tortour gilt das Strassenverkehrsgesetz – wer bei Rot eine Ampel überfährt, wird disqualifiziert.

Wohl nie im Meistertrikot

Alle vier Schweizer Meister sind berufstätig und haben Familie. Da sind 10 bis 15 Stunden Training pro Woche oft eine Tortur. Tun sie sich das nochmals an? «Das haben wir noch nicht entschieden», sagen sie. Und Markus Rohner ergänzt: «Dass wir 2016 den Meistertitel verteidigen, ist unwahrscheinlich.»

Dasselbe gilt für die Aussicht, dass sie das Meistertrikot an einem Rennen tragen dürfen – das ist nämlich nur an Ultracycling-Rennen für Viererteams erlaubt. «Und davon gibt es auf dem ganzen Planeten kaum zehn Stück», sagt Rohner.