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Die letzte Chance packen

Jean-Pierre Dällenbach ist als Ausbildungsberater für «Die Chance» tätig. Innerhalb der Stiftung begleitet er junge Menschen auf dem Weg, eine Ausbildung abzuschliessen. Die Erfolgsquote zeigt: das nötige Potenzial ist oft vorhanden.
Jean-Pierre Dällenbach gestaltet seinen Einsatz nach dem Pingpong-Prinzip. Wenn er einem Jugendlichen den Ball zugespielt hat, liegt es an ihm, diesen zurückzuspielen. (Bild: Monika von der Linden)

Jean-Pierre Dällenbach gestaltet seinen Einsatz nach dem Pingpong-Prinzip. Wenn er einem Jugendlichen den Ball zugespielt hat, liegt es an ihm, diesen zurückzuspielen. (Bild: Monika von der Linden)

Herr Dällenbach, Sie arbeiten bei «Die Chance» als Ausbildungsberater mit Büro in Balgach. Um welche Institution handelt es sich?

Jean-Pierre Dällenbach: «Die Chance» wurde 1999 von Markus Rauh ins Leben gerufen. Die Stiftung für Berufspraxis in der Ostschweiz basiert auf einem breit abgestützten Netzwerk der Privatwirtschaft und wird durch Sponsoren und Gönner finanziert. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit von der öffentlichen Hand bedeutet auch eine inhaltliche.

Welches Ziel verfolgt die Stiftung?

Dällenbach: Etliche Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren schaffen es nicht aus eigener Kraft, sich in den Berufsprozess zu integrieren. «Die Chance» bietet die Möglichkeit, einen Ausbildungsplatz zu finden, einen erfolgreichen Abschluss zu machen und anschliessend eine Beschäftigung zu finden.

Ist «Die Chance» mit ihrem Vorhaben erfolgreich?

Dällenbach: Wir haben die Vorgabe, 80 Prozent der Kandidaten zu einem Abschluss zu führen. Davon sollen 90 Prozent in eine Weiterbeschäftigung kommen. Seit 2009 haben 835 Kandidaten oder 96 Prozent einen Abschluss geschafft und die Beschäftigungsquote liegt bei 98 Prozent. Im Jahr 2010 haben 112 Personen abgeschlossen. Das bedeutet Arbeit für 802 Personen.

Sollten diese Jugendlichen nicht selber in der Lage sein, Verantwortung zu tragen?

Dällenbach: Selbstverständlich, das steht in keinem Widerspruch. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen und ihr Leben in die Hand zu nehmen. Sie gehen den Weg durch die Ausbildung selber, schaffen eine Grundlage für eine grösstmögliche Selbständigkeit. Unsere Aufgabe besteht in der Begleitung.

Welche Voraussetzung muss ein Jugendlicher erfüllen?

Dällenbach: An erster Stelle steht eine positive Grundhaltung. Jeder Kandidat und jede Kandidatin muss motiviert und bereit sein, zu kooperieren. Oft fehlt nicht viel dazu, um die Kurve zu kriegen. Wir helfen, die nötige Orientierung zu finden.

Wo ist «Die Chance» präsent?

Dällenbach: Begonnen hat die Erfolgsgeschichte in Mörschwil. Nun gehören die Kantone St. Gallen, Thurgau, beide Appenzell und das Fürstentum Liechtenstein dazu. Neu sind Graubünden und Glarus dabei.

Sind Sie also in der ganzen Ostschweiz tätig?

Dällenbach: Ich arbeite von meinem Büro in Balgach aus und betreue zwischen Bodensee und Walensee etwa 100 Kandidatinnen und Kandidaten.

An welchem Punkt setzen Sie an?

Dällenbach: Die jungen Menschen sind zwischen 16 und 22 Jahre alt. Teilweise haben sie bereits bis zur zweiten Oberstufe Misserfolge erlebt. Der Ansatz besteht im Kontakt und Informationsaustausch mit Berufsbildnern und Verbindungspersonen. Zudem durch Vermittlung individueller Fördermassnahmen und regelmässigem Kontakt gemäss spezifischer Situation. So können sie auf der richtigen Schiene bleiben.

Und die Älteren?

Dällenbach: Diese Jugendlichen haben oftmals bereits eine Lehre abgebrochen.

Wie sieht die Unterstützung konkret aus?

Dällenbach: Ich setze an dem Punkt an, an dem die Jugendlichen alleine nicht mehr weiterkommen. Dies hat unterschiedliche Gründe. Oft ist es hilfreich, die jungen Menschen aus ihrem sozialen Umfeld herauszunehmen. Wichtig ist eine von der Schule unabhängige Standortbestimmung. Ich bin selber lange genug Lehrer gewesen, um zu verstehen, an welcher Stelle das Schulsystem nicht greift. Für Eltern kann dies eine Entlastung bedeuten, weil sie Verantwortung abgeben können. Das bringt oft eine Entspannung.

Wer übernimmt diese Verantwortung?

Dällenbach: Dem Kandidaten mache ich von Beginn an unmissverständlich deutlich: – und dies setze ich auch konsequent durch – er gestaltet seine Ausbildung selber. Er muss seine Eigenverantwortung erkennen. Meine Aufgabe besteht darin, Kontakte zu allen beteiligten Stellen zu knüpfen.

Welche Stellen sind involviert?

Dällenbach: Dies ist von der jeweiligen Vorgeschichte abhängig. Auf jeden Fall sind dies der Chef des Lehrbetriebes, die Berufsschule. Hinzu kommen unter Umständen das RAV und Beratungsstellen, wenn zum Beispiel Drogen und Gewalt im Spiel sind.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Jugendlichen in eine Ausbildung vermitteln.

Dällenbach: Bevor es zu einer Vereinbarung zwischen dem Kandidaten und uns kommt, loten wir in einem Test aus, wo Fähigkeiten und Träume liegen. Träume zu äussern, kann hilfreich sein. Ein durch mich betreuter Kandidat wollte gerne Astronaut werden. Dieses wohl unerreichbare Ziel zeigte, wo Neigungen liegen. In einem Cockpit kann er nun als Lastwagenchauffeur arbeiten. Er hat die Ausbildung erfolgreich absolviert und ist nun glücklich in seinem Beruf.

Das klingt so, als liege die Lösung oft recht nah.

Dällenbach: Im Nachhinein schon. Bis ein junger Mensch aber ein solches Ziel erreicht hat, gilt es, viele Schwierigkeiten zu überwinden und aus Misserfolgen Lehren zu ziehen. Selbst wenn die Grundhaltung stimmt, heisst das nicht, es treten keine Probleme mehr auf. Ich erlebe immer wieder, dass eine Lehre abgebrochen wird oder ein Rausschmiss droht.

Wie verhindern sie das?

Dällenbach: Ich stelle Kontakte her. Bei Chefs oder in den Berufsschulen werbe ich um die Bereitschaft eines weiteren Versuchs, einer weiteren Chance. Dem Kandidaten spiele ich dann den Ball zu und zeige ihm den nächsten Schritt, um nicht erneut scheitern zu müssen. Das nenne ich das Pingpong-Prinzip.

Was meinen Sie damit genau?

Dällenbach: Ich spiele den Ball nur einmal. Dann warte ich auf das Retournieren.

Und wenn der Ball nicht kommt?

Dällenbach: Halte ich das aus. Ich mache dem Kandidaten deutlich, die letzte Chance ist wirklich die letzte – und die muss er jetzt packen. Wenn der Leidensdruck hoch genug ist, spielt er den Ball zurück.

Wieso macht das der Chef eines Lehrbetriebes mit?

Dällenbach: Hierfür braucht es eine soziale Ader. Es gibt viele Chefs, die ihre unternehmerische und soziale Verantwortung sehen und wahrnehmen. Wenn ich als Vermittler agiere und dem Lernenden klare Strukturen und ein engmaschiges Kontrollnetz vorgebe, wird der Unternehmer entlastet.

Was machen Sie, wenn dies alles nichts nützt?

Dällenbach: Das kommt zum Glück nicht oft vor. Es gibt auch Situationen, in denen der Ball nicht zurückgespielt wird oder wo versucht wird, mich auszutricksen. Dann Frage ich per E-Mail oder SMS nach, ob die Leitung gestört oder unterbrochen ist. Wer dann auf den Schlussbrief, den definitiven Rauswurf nicht reagiert, hat die Unterstützung nicht verdient.

Interview: Monika von der Linden

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