Die Leiche liegt vorne links

Unfälle, Einbrüche und der Tod kennen kein Sommerloch. Auf Nachtpatrouille mit den Polizisten Fluri, Tremp und Dietsche – in einer heissen Donnerstagnacht; mit einem Einsatz, der auch für die Polizisten nicht Alltag ist.

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Die Polizisten Fluri, Tremp, Dietsche (von links): «Meine Mutter fragt mich manchmal: Macht dir das denn nichts?» (Bild: Samuel Tanner)

Die Polizisten Fluri, Tremp, Dietsche (von links): «Meine Mutter fragt mich manchmal: Macht dir das denn nichts?» (Bild: Samuel Tanner)

Als Wachtmeister Fluri an diesem Donnerstagabend zum Dienst antritt, ist der AGT noch weit weg.

AGT für Aussergewöhnlicher Todesfall.

Es ist 18.30 Uhr und die Hitze liegt wie Blei über dem Polizeiposten in Buriet, Thal. Bruno Fluri, ein Mann mit markantem Tattoo am Oberarm, nimmt die Treppe in den 1. Stock und marschiert dann ins Büro der Schichtführer – mit dabei: ein Schoggi-Joghurt und zwei Flaschen Sirup.

Er schaltet den Computer ein und bindet sich den Gürtel mit Schusswaffe, Schlagstock und Funk um die Hüften. Wachtmeister Fluri, 35, ist jetzt im Dienst. Bis 0500 Uhr heisst es im Plan, Nachtschicht.

Seine erste Aufgabe: Er klickt sich durch die Abgründe dieser Region. Gesuchte Verbrecher, gesuchte Motorsägen. PIZO-News nennt sich das interne Papier mit den vielen Fahndungsbildern. Bruno Fluri kann sich nicht alle Köpfe merken, aber markante Züge reichten, sagt er.

Die PIZO-News können Fluris Arbeit in dieser langen Nacht beeinflussen, wer weiss. Wenn er den Dienst antritt, ist nie klar, wie sich die Stunden füllen werden. Mal ist es irgendein Betrunkener bei der Personenkontrolle, mal eine entlaufene Katze.

Bruno Fluri fährt durch die Filmkulisse

Das Briefing der Nachtmannschaft um 1900 Uhr ist deshalb kurz. Mit Fluri am Tisch sitzen zwei Frauen und vier Männer, sie sind in Zweierteams eingeteilt. Und sie haben schon zwei strenge Tage hinter sich. Der Polizeidienst beginnt für sie am ersten Tag um 12 und endet um 19 Uhr. Am zweiten Tag dauert er von 5–12 und dann von 19–5 Uhr am nächsten Morgen. Dann ein Kompensationstag, dann ein Ruhetag. Bis sich Fluris Körper an diesen Rhythmus gewöhnt hatte, dauerte es ein halbes Jahr. Dafür kann er ausrechnen, von wann bis wann er zum Beispiel am 12. Juli 2025 arbeitet.

Fluri ist an diesem Tag alleine unterwegs, er wird unterstützend wirken. «Ein Mann ist kein Mann», sagt er. Alleine irgendwelche Aktionen anreissen, das ist zu riskant. «Es sagt dir niemand danke», sagt Bruno Fluri.

Auf dem Tisch im Sitzungszimmer liegt Merci-Schokolade. Immerhin. Fluri teilt jetzt die Patrouillen ein und verteilt Spezialaufgaben.

«Marcel und Jasmin, ihr übernehmt das Mittelrheintal», sagt Fluri.

Zwei junge Polizisten nicken, Marcel Dietsche und Jasmin Tremp. Er aus Kriessern, sie aus Widnau. Er Korporal, sie noch nicht lange von der Polizeischule.

Eine Personenkontrolle bei der Autobahnraststätte in Kriessern ist die einzige Anweisung, die Bruno Fluri gibt. Dann entlässt er sie in die heisse Sommernacht. Noch weiss er nicht, dass sie sich um etwa 0030 Uhr in einer stickigen Wohnung im Unterrheintal wieder gegenüberstehen werden.

AGT für Aussergewöhnlicher Todesfall.

Der erste Einsatz, den die Zentrale in St. Gallen an die Polizisten Dietsche und Tremp funkt, könnte am nächsten Tag unter der Rubrik «ausgefallen» in der Zeitung stehen.

Am Zoll in Diepoldsau haben sie einen Autofahrer mit 1,1 Promille Alkohol im Blut gestoppt, er war an einem Open Air; die Freundin hat ihn verlassen, weil er sie betrogen hatte. Mit den Polizisten spricht er nur Hochdeutsch – wie er es immer macht, wenn er besoffen ist. Dietsche und Tremp schmunzeln, sie stehen mit ihm auf einem Parkplatz bei der Autobahneinfahrt Widnau, der Betrunkene mit nacktem Oberkörper.

«Alles im Griff. Wir sind ja Freund und Helfer», ruft Dietsche über den Parkplatz. Bruno Fluri wird später sagen, sein Beruf sei nicht immer nur ernst und gefährlich.

Fluris Tour de Rheintal startet an diesem Abend mit einem überfahrenen Hund in Oberriet, so hat es die Zentrale gemeldet. Er sitzt jetzt in seinen Dienst-BMW und fährt in ein Gewitter, das sich über dem Alpstein zusammenbraut. Fluri sucht die richtige Kadenz für den Scheibenwischer.

Im Radio singt Bligg von Helden und Legenden, er rappt: «Sie gönd dur Sturm & Gwitter.»

In Oberriet erweist sich der Hund als Katze und der Einsatz als Kurztrip. Die Katze ist tot, Auto und Lenker wohlauf. Mehr als eine Meldung ans Bauamt, das die Katze entsorgen soll, kann Wachtmeister Fluri hier nicht machen. Er funkt zurück an die Zentrale: «Mer haueds wieder.»

Nächste Station: Mörschwil. Eine Frau beklagt sich über Buben, die in ihrem Garten Feuerwerk zünden. Bruno Fluri lenkt seinen BMW in Oberriet auf die Autobahn, das Gewitter ist vorüber, am Himmel formieren sich die Wolken im Abendrot. Fluri erinnert dieses Bild an Independence Day, einen Action-Streifen aus den 90er-Jahren. Der Film handelt vom Angriff der Ausserirdischen auf die Erde und der Gegenwehr der Menschen.

Bruno Fluri hat einmal Käser gelernt. Er ist nicht wegen solcher Filme Polizist geworden, und er würde es auch bestimmt nicht so sagen. Aber als Polizist könnte man sich manchmal schon wie bei den Ausserirdischen vorkommen, bei all diesen Verbrechen, diesem Surrealen, diesen Abgründen.

Und während Bruno Fluri durch die Filmkulisse fährt, während er auf das Steuerrad klopft, sagt er: «Wir Polizisten sind schon harti Sieche, aber am Schluss sind auch wir Menschen mit Kindern daheim.»

Er wird diesen Satz noch einmal wiederholen.

Mit Hunden raus und an nichts denken

Glücklicherweise, sagt Fluri, liege die schusssichere Weste meist in einem Kasten in Buriet. Das letzte Mal hatte er sie gebraucht, als es im April in Altstätten zu einer Schiesserei kam. Fluri ist damals ausgerückt, seine Mannschaft hatte Dienst. Alles sei aber reibungslos gelaufen, sagt er.

Schlimm findet er häusliche Gewalt, wenn er hinten hilflose Kinder-Gesichter sieht und vorne einen Vater, der sein Gesicht gerade verliert. Bruno Fluri erinnert sich in solchen Momenten manchmal an sein eigenes Zuhause, mit der Frau, mit den zwei Kindern, wie da alles funktioniert.

Seinen Freunden sagt Wachtmeister Fluri ab und zu: «Wir sind nicht nur Busseneintreiber. Ich rufe mal an, wenn ich einer Frau sagen muss, dass ihr Mann nicht mehr nach Hause kommt.»

Kann ein Polizist die hilflosen Gesichter am Ende einer Schicht einfach abstreifen, zusammen mit dem Gürtel, der Schusswaffe und dem Schlagstock?

Später, im Büro der Schichtführer, wird Bruno Fluri in seinen Computer starren und sagen: «Das musst du einfach können. Ich gehe jeweils mit den Hunden raus und denke an nichts.»

Fluri hat fünf Hunde, an der Fensterfront bei seinem Schreibtisch steht eine Collage. Fluri mit Hund und Medaille, Hunde am Wasser, Hunde auf der Wiese.

«Ich habe aber nicht fünf Hunde, weil ich so viel zu verarbeiten habe», sagt Fluri.

Polizisten sind harti Sieche. Bis zu diesem eintreffenden Funkspruch, dann ändert sich die Sprache, der Tonfall, die Ausdrucksweise.

«Ein AGT im Unterrheintal», scheppert es aus dem Funk von Bruno Fluri. AGT für Aussergewöhnlicher Todesfall. Viel mehr weiss er nicht, als er seinen BMW Minuten später in ein Mehrfamilienhaus-Quartier steuert, mittlerweile ist es kurz nach 0030 Uhr, die Kulisse aus Independence Day ist verschwunden, es nieselt, es ist dunkel.

Vor Fluri sind die Polizisten Tremp und Dietsche in der Wohnung im zweiten Stock angekommen. Jasmin Tremp hat sich zum Schwiegersohn auf das schwarze Sofa gesetzt, in der Hand einen DIN-A4-Block.

Was sie bisher aufgeschrieben hat: Der Verstorbene war wochenlang in den Ferien in seiner Heimat, es ging ihm da nicht gut, er spürte ein Stechen in der Brust, er bekam Medikamente verschrieben. Der Mann reiste deshalb früher nach Hause, in seine Wohnung. Und auch da spürte er dieses Stechen, vor allem an diesem heissen Donnerstagabend. Er rief seinen Schwiegersohn, er solle ihn ins Spital fahren. Als dieser kam, in seinem roten Shirt, konnte er den Mann nur bis zur Haustür tragen, dann schlief er ein. Für immer.

Notarzt und Ambulanz versuchten alles.

Dann der Funk an die Patrouille Tremp und Dietsche, dann der Einsatz von Bruno Fluri.

Ein Mann wie ein Nachtwächter

Der Wachtmeister nimmt jetzt die Treppe in den zweiten Stock, bei Todesfällen muss der Schichtführer immer kommen, er atmet etwas schwerer als auch schon an diesem Abend.

Der Tod ist auch für die Polizisten nicht Alltag, keine Routine. Als Bruno Fluri die Tür öffnet, sieht er die Leiche. Sie liegt vorne links. Zugedeckt bis auf die Zehen, die sich weiss verfärbt haben.

Auf dem Sofa sitzen Jasmin Tremp und der Schwiegersohn im roten Shirt, er wirkt gefasst, gibt der Polizistin die Quittungen der Medikamente, gibt ihr Adressen, irgendwelchen Papierkram. Daneben steht Marcel Dietsche, ein Mann wie ein Nachtwächter, gross und kräftig. Neben ihm würde man sich auch vor einem Dinosaurier nicht fürchten.

Dietsche hat als Erstes die Wohnung untersucht, wie er sagt, hat nach geöffneten Fenstern geschaut, nach Kampfspuren oder nach durchwühlten Schubladen. Man weiss ja nie.

Nun warten die Polizisten Fluri, Tremp und Dietsche mitten in der Nacht, in einer stickigen Wohnung, auf den Amtsarzt. Bei einem AGT, wenn also zum Beispiel Medikamente im Spiel sind, entscheiden er und der Schichtführer, was mit der Leiche passiert. Ob die Todesursache klar ist, oder ob der Körper an die Rechtsmedizin weitergegeben wird.

In diesem Fall ist die Entscheidung schnell getroffen, die Leiche wird freigegeben.

Bruno Fluri verabschiedet sich, Tremp und Dietsche bleiben. Sie haben nun den Sargmacher bestellt, sie kümmern sich um die Angehörigen. Inzwischen sind Schwiegertöchter, Töchter und Bekannte eingetroffen. – Die Schwiegertochter geht zu Boden, sie weint, sie schreit, sie kann nicht mehr.

Jasmin Tremp führt die Angehörigen in einen hinteren Raum, sie fährt über die Oberarme der Angehörigen, sie redet mit ihnen. Später, im Büro, wird sie sagen: «Meine Mutter fragt mich manchmal: Macht dir das denn nichts?» Jasmin Tremp antwortet ihr dann: «Am Ende der Schicht schlafe ich genauso gut wie sonst.»

Marcel Dietsche wartet unten, bei den Briefkästen dieses Wohnblocks, auf den Sargmacher. Er atmet schwer aus, in die heisse Nacht hinein. Und wieder diese Frage. Was macht der Tod mit einem?

Dietsche sagt: «Alltag ist das nicht, nein. Ich lasse solche Fälle einfach nicht an mich ran.» Aber, er weiss das selber, das ist einfacher gesagt als getan. Eine Weile lang hatte Dietsche dauernd Unfälle mit Toten. Da hatte er sich schon gefragt: Ja, verdammt, sind wir denn die Einzigen, die dauernd an solche Unfälle geraten?

Dann kommt der Sargmacher, Jasmin Tremp instruiert die Angehörigen, die nächsten Schritte, die nächsten Hürden, sie hat das schon achtzehnmal so gemacht, seit sie von der Polizeischule gekommen ist.

Dann fahren sie ins Büro und im Auto sagt Jasmin Tremp: «Das war eine richtig durchschnittliche Nacht.» In Buriet setzen sich die beiden ins Pausenzimmer, essen belegte Brote und Salat. Im Fernseher läuft eine Wiederholung des «Schlagersommers». Eine Portion gute Laune.

Tremp und Dietsche suchen dann an den Computern die richtigen Codes, um mit dem AGT, für Aussergewöhnlicher Todesfall, ihre Protokolle zu füttern. Jasmin Tremp lehnt im Stuhl, es ist kurz vor Dienstschluss um 0500 Uhr und ihr grösstes Problem ist jetzt die Grammatik.

Sie tippt und tippt und vielleicht tippt sie so auch den Fall aus ihrem Kopf. Der AGT ist schon erstaunlich weit weg.

Wenn Bruno Fluri nach dem Dienst nach Hause fährt, dann denkt er nicht mehr an diesen Einsatz. Bevor er sich schlafen legt, lässt er kurz die Hunde raus. Er macht das immer so. Samuel Tanner