Die Kindheit: ein Spaziergang

Für die Sommerserie «Ein Spaziergang mit …» kehrt Poetry-Slammer Richi Küttel aus Trogen zurück in seine Kinderstube Berneck. Der Metzgerssohn erfährt im Grünen, dass er doch kein Held war, schwärmt von Bäumen, Kioskfrauen und Donald Duck – und entdeckt sein gescheitertes Projekt.

Claudio Donati
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BERNECK. Richi Küttel freut sich auf den Spaziergang wie ein Kind. Als Kind habe er mit seinen Freunden den Bernecker Wald unsicher gemacht, habe dort gespielt, sei dort in den Bach gefallen. Und als Kind sei er das letzte Mal dort gewesen. «Aus Sentimentalitätsgründen» will der 39-Jährige dorthin zurückkehren. Ein Rundgang durch gesammelte Kindheitserinnerungen.

Wir waren Helden

Der Wald: Hier hat sich Spitzbube Richi mit seiner Clique ausgetobt. Elternfreie Zone, ein Kindergarten ohne Kindergärtnerin, ein Dschungel schier grenzenloser Phantasie, Schauplatz kleiner Staudamm-Projekte, improvisierter Pfahlbauten und wilder Schlachten (ohne Tote, aber mit vielen Blessuren). Sie hätten einfach raus gewollt, «usa!». Im Sommer wie im Winter. «Die Eltern wussten nicht, wo wir sind.» Es gab kein Handy, kein Fernsehen, «daför hämmer Niala graucht und anand uf da Grind geh», sagt Küttel. Sein Lächeln erleichtert die Vorstellung des Spitzbuben Richi.

Dann verschwindet es. Von der kleinen Brücke, die hinüber ins Schossenriet führt, blickt der erwachsene Küttel hinab und sagt: «Vielleicht täusche ich mich, aber früher hatte der Bach wohl mehr Wasser.»

Hinter dem ersten schmalen Waldstück erscheint die Hütte der Ornithologen, daneben ein kleiner Teich; Spielplatz einer weiteren Disziplin der Kinder-Olympiade: Kaulquappen fangen. All diese Flecken der Erinnerung an eine heldenhafte Zeit, sie fallen Küttel schrittweise vor die Füsse. Schon liegt das nächste Ziel vor seinen Augen: der kleine Hügel in dieser grünen Wiesen-Arena, umringt von hohen Bäumen. Sein Name: Held. Die Disziplin: Skifahren. Küttel geht einige Schritte auf dem Kiesweg, blickt nach vorn und bleibt dann plötzlich stehen: «Isch jo gar nöd steil», sagt er. Die scheinbar schwarze Piste erweist sich als leicht abfallendes Wiesenstück, als idiotensicherer Idiotenhügel. Der vermeintlich waghalsige Ski-König hatte den Hang viel steiler in Erinnerung. Auch der Hinweis auf eine doch recht steile Stelle mag ihn nicht trösten: «Dort durften wir nicht runter.» Er stimmt zu, als Kinder waren wir Helden. «Als Erwachsene können wir keine mehr sein. Alles ist weniger spektakulär», sagt Küttel. Ein erstes Mal ist er er länger stehen geblieben. Die Kindheit ist kein Spaziergang.

Gescheitert, geglückt

Doch er hat ein heimliches Ziel vor Augen. Zuerst aber führt der Weg wieder in den Wald. Und Küttels Freude kehrt zurück: «Eine Hütte», sagt er. «Oder zumindest der Versuch davon.» So sahen die «Hütten» seiner Clique auch aus. «Wir bauten sie und fragten uns dann: <Und jetzt?>» Jetzt gerät Küttel ins Schwärmen. Er hebt den Kopf. «Es sollte mehr Buchenwälder wie diesen geben.» Küttel vergleicht die hohen Bäume mit Kathedralen, mit Bildern aus «Der Herr der Ringe», und sagt: «Ich muss öfter in den Wald.»

Vom Wald kommt er auf den Blätterwald, von den Buchen auf die Buchstaben. Seine ältere Schwester habe ihn als Buben mit in die Bibliothek geschleppt. Es dauerte nicht lange, dann habe man ihn eher von dort wieder nach Hause schleppen müssen. Jeden Dienstagabend verbrachte Richi junior dort. Den Schlüssel zum Wortschatz aber habe er bei seiner «ersten richtigen Freundin» gefunden: Kioskfrau Renner. Dank ihr durfte er stundenlang vor dem Kiosk stehen und die lustigen Taschenbücher lesen. «Ich musste sie sehr vorsichtig anfassen.» Seine Lieblingsfigur? «Donald Duck, mit all seinen Fehlern. Er ist das Unglück in Person, aber er kämpft, er hat Hoffnung. Gustav Gans verlässt sich zu sehr auf sein Glück. Donald ist Blues, Gustav ist Musikantenstadl.»

Gescheitert, und doch geglückt. Am Ende hat Richi Küttel sein heimliches Ziel erreicht: Die Burg am Waldrand, über den Bernecker Reben. Das Schlössli Rosenburg und der Garten rundherum, in ihrem neuen Glanz, lassen auch Küttels Augen glänzen. Für einmal ist diese Formulierung nicht übertrieben. «So hätten wir es gemacht», sagt Küttel. Er erzählt die Geschichte seines ersten Projekts, das gescheitert sei: Als 19-Jähriger habe er mit einem Freund den damals wild verwachsenen Garten und das Schlössli auf Vordermann bringen wollen, sei bei den Besitzerinnen und der Gemeinde auf offene Ohren gestossen, habe ein Konzept erarbeitet, doch dann hätten die beiden Frauen doch nicht gewollt. Umso grösser ist nun seine Freude, dass Jahre später andere dieselbe Idee hatten und umsetzen konnten.

«Nicht nochmals aufwachsen»

Nach einem kurzen Regenguss und anschliessendem Picknick vergisst Richi Küttel vor lauter Erzählen fast die Zeit. Er muss seinen zweijährigen Sohn im Kinderhort abholen. Und dann, am Abend, sollte er arbeiten («Ich weiss nicht, ob ich heute Abend noch arbeiten kann. Vermutlich werde ich ein Buch lesen.») Als selbständiger Kulturmanager betreut er viele Projekte für Kinder und Jugendliche. Nächstes Frühjahr vermittelt er zum Beispiel Sängerinnen und Sänger an Schulen, die den Kindern alte Lieder wie «Det äne am Bärgli» beibringen, weil viele diese nicht mehr kennen. «Ich möchte nicht in dieser Welt nochmals aufwachsen müssen», sagt Küttel auf dem Rückweg ins Dorf.

Am Ende des Spaziergangs, vor dem Gebäude, wo früher die Bibliothek beherbergt war, begegnet Richi Küttel zufällig seiner Mutter Annemarie. Er begrüsst sie mit einem Kuss, wie er es wohl als Kind schon gemacht hat. Er ist ja immer noch ihr Kind.

«So sahen unsere Hütten auch aus.» (Oberes Bild) &ndash; «Ich würde gerne einmal beim Wimmen helfen.»

«So sahen unsere Hütten auch aus.» (Oberes Bild) – «Ich würde gerne einmal beim Wimmen helfen.»

Buchen: «Wie Kathedralen.»

Buchen: «Wie Kathedralen.»

Richi Küttel erkundet die Gegend um die Rosenburg.

Richi Küttel erkundet die Gegend um die Rosenburg.

«Ein Foto für die Zeitung? Warum nicht!» &ndash; Küttels Mutter Annemarie.

«Ein Foto für die Zeitung? Warum nicht!» – Küttels Mutter Annemarie.

«Ich musste nie ein Herz in einen Baum ritzen», sagt Richi Küttel.

«Ich musste nie ein Herz in einen Baum ritzen», sagt Richi Küttel.

«Isch jo gar nöd steil!» &ndash; Richi Küttel beim Anblick des Skihangs seiner Heldenzeit. Heute sind seine Helden voller Hoffnung. (Bilder: Claudio Donati)

«Isch jo gar nöd steil!» – Richi Küttel beim Anblick des Skihangs seiner Heldenzeit. Heute sind seine Helden voller Hoffnung. (Bilder: Claudio Donati)