Die Kanti und das High-Tech-Tal

HEERBRUGG. Hunderte Personen nutzten am Samstag den Tag der offenen Tür für einen Besuch der neuen Kantonsschule Heerbrugg (KSH). Gross war auch das Interesse am «Kanti-Talk» zum Thema «Stellenwert der Schule für die Region».

Kurt Latzer
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Walter Eggenberger (rechts), ehemaliger Moderator von «10vor10», führte durch den «Kanti-Talk», der auf grosses Interesse stiess.

Walter Eggenberger (rechts), ehemaliger Moderator von «10vor10», führte durch den «Kanti-Talk», der auf grosses Interesse stiess.

Dass die Kantonsschule für das Rheintal von grosser Bedeutung ist, sind sich alle Podiumsteilnehmer einig; «auch wenn ich heute noch der Überzeugung bin, dass die Schule am falschen Ort steht. Ich wohne in Altstätten», lächelte Christoph Mattle, Leiter Amt für Mittelschulen Kanton St. Gallen.

Standort egal

Froh über jeden Schüler aus der KSH ist Podiumsteilnehmer Erwin Beck, Rektor der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Er bezeichnete den Stellenwert der KSH als hoch. «Ich bin ständiger Abnehmer von Schülerinnen und Schülern, weil bekannt ist, dass ihnen hier viel abverlangt wird», meinte Beck. Der «Kanti-Talk» wurde von Walter Eggenberger geleitet, ehemaliger Moderator von «10vor10». Er wollte von AGV-Präsident René Wuffli wissen, ob die Region mehr profitiert hätte, wenn die Kanti in Altstätten zu Hause wäre. René Wuffli liess sich auf diese Standortdiskussion nicht ein und sagte: «Als Toggenburger bin ich froh, dass die Wahl des Standortes einer Kantonsschule auf Wattwil gefallen ist.» Der Rheintaler Wirtschaft spiele es keine Rolle, wo in der Region die Kanti stehe. Im Gegensatz zu Erwin Beck, der das Rheintal mit dem Silicon Valley vergleicht, bezeichnete Wuffli die Region als High-Tech-Tal, spezialisiert auf Mechanik und Optik.

Mehr Techniker

«Das Rheintal ist ein Werk- und Denkplatz, für den das duale Ausbildungssystem von grösster Bedeutung ist», betonte der AGV-Präsident. Auf IT zu setzen, wie im Silicon Valley, wäre im Rheintal falsch. Die stark exportorientierten Rheintaler Industrieunternehmen seien auf eine Vielzahl kleinerer Zulieferfirmen angewiesen, für die die Förderung des dualen Bildungssystems von ebenso grosser Bedeutung sei. Wenngleich Wuffli überzeugt ist, dass jedem Kind die Ausbildung angedeihen soll, für die es geeignet ist, wünscht er sich mehr Jugendliche in technischen Berufen, im dualen System. Ihm bereitet die Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren Sorge: «1990 hatten wir 12 000 Maturanden und 70 000 Lehrlinge. 2012 waren es gleich viel Lernende, aber 40 000 Maturanden.»

Maturitätsrate tief

Nicht einverstanden mit dem Vergleich ist Judith Mark, Rektorin der Kantonsschule Heerbrugg. «Im Vergleich zu anderen Kantonen, in denen die Maturitätsrate bei etwa 30 Prozent liege, ist diese bei uns mit 13,5 Prozent relativ tief; wir könnten deutlich mehr Schüler vertragen», meinte Mark. Zudem sei man an der KSH dank der neuen Räume und der verbesserten Einrichtung in der Lage, den Bereich Naturwissenschaften zu verbessern und auszubauen. Auch die bereits existierenden Wirtschafts- und Technik-Wochen soll es weiterhin geben; «zum einen oder anderen Angebot aus der Industrie allerdings würden wir nicht Nein sagen», betonte die Rektorin.

Mehr Werbung für die Kanti

Christoph Mattle sprach sich für die Allgemeinbildung aus, die in den Kantonsschulen vermittelt wird und will sich auch in Zukunft für die Matura als Zugang zu allen Universitäten einsetzen. Im Zusammenhang mit der Aufnahmeprüfung für die Kantonsschulen verglich er Zürich mit dem Kanton St. Gallen. «Im Gegensatz zu Zürich treten bei uns meist nur die Sekundarschüler zur Prüfung an, die von den Oberstufenlehrkräften vorgeschlagen werden. Ich wünschte mir einen höheren Anteil.» Podiumsteilnehmerin Hildegard Fässler, ehemalige Nationalrätin und Gymnasiallehrerin für Mathematik, möchte zwar mehr Schüler in der Kantonsschule haben, hat aber auch Verständnis für die Wirtschaft. «Ich bin dafür, dass die Allgemeinbildung mehr Zugang zur Industrie bekäme.» Judith Mark und Erwin Beck sehen in den nächsten Jahren die grösste Gefahr darin, geeignete Kantonsschul-Lehrkräfte zu finden.

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