Die Heilige Familie – eine Patchworkfamilie

Aus christlicher Sicht

Armin Scheuter
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Auch die Weihnachtsgeschichte lässt sich als die eines vaterlosen Jungen und seines Stiefvaters lesen. (Bild: Archiv/Monika von der Linden)

Auch die Weihnachtsgeschichte lässt sich als die eines vaterlosen Jungen und seines Stiefvaters lesen. (Bild: Archiv/Monika von der Linden)

Seit 1920 feiert die katholische Kirche immer kurz vor dem Jahreswechsel das Fest der Heiligen Familie – dieses Mal am 30. Dezember. Heute wie damals stellt sich in unserer Gesellschaft die Frage nach dem Schutz der Familie – denn letztlich ist sie die Keimzelle eines jeden Menschen im Verlangen nach liebevoller Beziehung, Geborgenheit, Heimat und Urvertrauen. Damals geriet diese Frage in den Focus angesichts der vielen vaterlosen Familien nach dem Ersten Weltkrieg, heute dadurch, dass das bürgerliche Familienideal (die lebenslange untrennbare Gemeinschaft von Vater-Mutter-Kinder) in ­Anbetracht der Normalität von Scheidungen und Patchworkfamilien längst seinen Bestand verloren hat. Auch die Weihnachtsgeschichte lässt sich als die eines vaterlosen Jungen und seines Stiefvaters lesen – als die einer Patchworkfamilie.

Je mehr familiäre Strukturen bröckeln, desto wichtiger werden gesellschaftliche Strukturen, die unterstützend und ergänzend wirken. Dies gilt auch für die kirchlichen Gemeinden. So müssen wir uns als Christen fragen: Wie können Strukturen unserer Pfarreien Menschen, speziell Kindern und Jugendlichen, Raum geben, sich nach der Möglichkeit ihrer Lebensbedingungen im Angesicht Gottes zu entfalten? Wie können die Beziehungen in unserem kirchlichen Leben vor Ort zu Spiegelungen eines Gottesbildes werden, das Orientierung bietet? Denn wir sind auf dem besten Weg zu einer vater- und mutterlosen, anonymen Kirche.

Alexander Mitscherlich, der Gründer des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main, hat dies schon vor einem halben Jahrhundert als Hausaufgabe erkannt: Wir sind auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft in dem Sinn, dass Autoritäten abgelöst werden. Zunehmend stehen wir einem anonymen System gegenüber, das die Macht in Händen hält.

Das scheint schon in so kleinen Systemen wie unseren Pfarreien und Gemeinden zu greifen: Mit territorial grösseren Gemeindegebieten werden die Wege weiter. Die Menschen werden einander umso unbekannter.

Stellen wir uns den Fragen: Wo sind prägende Figuren in unseren Gemeinden, Schulen und Familien? Wo sind echte Gegenüber, Männer und Frauen, die für ihren Glauben und Standpunkt persönlich eintreten? Wie übernehmen wir Verantwortung für unser Gemeinwesen?

Fragen auch für das Jahr 2017 an unsere gesellschaftliches Zusammenleben, die weit über das Fest der Heiligen Familie hinausreichen.

Armin Scheuter

Pfarreibeauftragter in Kobelwald