Au: Die grössten Schleimer der Welt

Sie sind sehr gross, tragen ihr Haus auf dem Rücken und sind die Leidenschaft von Giulietta Louis: Achatschnecken.

Benjamin Schmid
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Giulietta Louis beobachtet ihre Lieblingsschnecke Louisa. Bild: Benjamin Schmid

Giulietta Louis beobachtet ihre Lieblingsschnecke Louisa. Bild: Benjamin Schmid

Langsam und vorsichtig streckt Louisa ihre Fühler aus. In Zeitlupentempo kriecht sie über das Gras Richtung Salatblatt und Gurkenscheibe. Ihre Kolleginnen und Kollegen schleichen hinterher und hinterlassen eine Schleimspur. Sie kennen weder Eile noch Rastlosigkeit und mögen es, wenn es warm und feucht ist. Dann strecken sie ihre Köpfe aus dem Haus. Es gibt schwarze, braune und helle 
Exemplare. Typisch für die grossen Schnecken ist das rötlich-
braune, kegelförmige Gehäuse. Louisa erreicht als erste die Gurkenscheibe, setzt sich darauf und beginnt zu fressen.

Die zwölfjährige Giulietta Louis hatte schon in jungen Jahren ein grosses Herz für Tiere. Geriet ein Lebewesen in Not, versuchte die Auerin alles, um ihm zu helfen. Besonders oft rettete sie Schnecken mit einem Schneckenhaus, las sie von der Strasse auf und brachte sie in ihre natürliche Umgebung zurück. Ab und zu wurde auch ein Exemplar behalten und nach Hause mitgenommen. «Deshalb suchte ich im Internet nach geeigneten Terrarien», sagt die Mutter Nicole Louis, «bei meinen Recherchen stiess ich auf die Achatschnecken.»

Die ungewöhnlich grossen Schnecken faszinierten nicht nur die Mutter, sondern auch die Tochter – und kurz darauf erhielt Giulietta Louis auf ihren fünften Geburtstag ein Exemplar. Eine Bekannte der Familie hatte selbst einige Tiere zu Hause und lud die beiden Frauen ein, mehr über Haltung, Nahrung und Fortpflanzung zu erfahren.

Männliche und weibliche Geschlechtsorgane

«Achatschnecken können sich alle zwei Wochen fortpflanzen», sagt Giulietta Louis und ihre Mutter ergänzt: «Daher sollte man das Terrarium wöchentlich nach Eiergelegen durchsuchen.» Monatlich können bis zu 300 Nachkommen gezeugt werden und dann die Besitzer schnell überfordern. Wie viele Schnecken, sind die Achatschnecken Hermaphroditen – sie besitzen sowohl ein männliches als auch ein weibliches Geschlechtsorgan. «Sobald eine Schnecke geschlechtsreif ist, kann sie sich mit jeder ande­-
ren geschlechtsreifen Schnecke fortpflanzen», sagt Nicole Louis und ergänzt: «Bei zu geringer Populationsdichte ist sogar ei­-
ne Selbstbefruchtung möglich.» Die Selbstbefruchtung sei mit ein Grund, wieso die Schnecken kaum was kosten.

Eine Heuschreckenplage 
in Zeitlupe

Das unkontrollierte Vermehren kann ausserdem zu gravierenden Problemen in einem Ökosystem führen, weshalb die Achatschnecken an vielen Orten als invasive Neozoen (gebietsfremde Arten) gelten und bekämpft werden. In den letzten Jahren gingen Meldungen von Schneckeninvasionen um die Welt. Besonders in Kuba und den Vereinigten Staaten von Amerika verursachen die grössten Schleimer der Welt immer gravierendere Probleme: Sie pflanzen sich masslos fort, fressen sich durch Plantagen und Felder, überstehen die milden Winter und kennen keine natürlichen Fressfeinde. Sie 
verdrängen andere Schnecken und berauben Vögel ihrer Nahrungsquellen. Dadurch können sie einen Kaskadeneffekt mit schwerwiegenden, negativen Konsequenzen für die Fauna auslösen. «Glücklicherweise fliehen die Tiere nicht schnell, sagt die Auerin, «denn in der Wohnung sind sie uns auch schon abgehauen.» Irgendwann seien sie dann an der Wand oder der Decke wieder aufgetaucht.

Auch in der Schweiz leben die Tiere unbehelligt und ohne Fressfeinde. «Darum behalten wir die Tiere besonders bei Ausflügen in den Garten im Auge», sagt die Zwölfjährige, «gelingt dem Tier die Flucht ins Freie, droht dem Besitzer eine hohe Busse.» Dies obschon der 
Achatina achatina die Schweizer Winter zu kalt sind und sie diese kaum überstehen würde.

Trockenruhe als 
Winterschlaf

«In ihrer afrikanischen Heimat halten die Schnecken eine sogenannte Trockenruhe», sagt Giulietta Louis, «sie vergraben sich für mehrere Wochen im Boden und verschliessen das Gehäuse mit einem Kalkdeckel.» Auf diese Weise können sie, vor Hitze und Kälte geschützt, ohne Futter und Wasser überleben. Gemäss Giulietta Louis eine faszinierende Tatsache. Doch längst nicht so spannend, wie die Schnecken an der Scheibe beim Fressen und bei der Fortbewegung zu beobachten. «Achatschnecken duschen gerne», sagt die Schülerin, «richtet man den Wasserstrahl auf sie, rekeln sie sich in seine Richtung.» Die Tiere sind ruhig und ungefährlich, sofern man den Schleim von den Fingern wäscht. Sie sind weder laut noch stinkig, dafür pflegeleicht und nicht nur nachtaktiv. «Ich habe sie gern und finde sie herzig», sagt Giulietta Louis, «mit ihnen wird es nie langweilig.»

Giulietta Louis beobachtet ihre Lieblingsschnecke Louisa. Bild: Benjamin Schmid