Die ganz normale Frau

Für einmal tauschte Mountainbikerin Jolanda Neff ihr Trikot gegen Blazer, Schmuck und Absatz-Schuhe: Vor fast 60 Zuschauern blickte sie gestern zurück auf ihre bisherige Karriere.

Seraina Hess
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Jolanda Neff mit ihrem Vater Markus Neff am Kids-Bike-Master 1999 in Küblis. Zum Sport kam sie, weil er selbst Rennen gefahren ist und seine Tochter dazu mitnahm, später förderte. (Bild: pd / Sonja Neff)

Jolanda Neff mit ihrem Vater Markus Neff am Kids-Bike-Master 1999 in Küblis. Zum Sport kam sie, weil er selbst Rennen gefahren ist und seine Tochter dazu mitnahm, später förderte. (Bild: pd / Sonja Neff)

THAL. Die Hand in die Hüfte gestemmt, mit Lederhose, roter Bluse und High Heels blickt uns Jolanda Neff vom Banner ihres Facebook-Profils entgegen. Selbstverständlich auf dem Velo. Denn Neff ist beides: eine der erfolgreichsten Schweizer Mountainbikerinnen und eine schöne Frau Anfang 20, die gerne ausgeht, Shoppingtouren macht und Freunde trifft.

Genau so präsentiert sie sich gestern an ihrem Saisonrückblick im Restaurant Ochsen in Thal. Das helle Lachen, mit dem sie jeden einzelnen Gast begrüsst, fällt als Erstes auf. Sie, die zweifache U23-Cross-Country-Weltmeisterin, nimmt sich Zeit für Fans, Freunde, Familienangehörige – und erteilt manch gestandenem Biker Ratschläge, welches Velo wohl am ehesten zu ihm passen würde.

Voller Terminplan

Im Vordergrund standen die zahlreichen Siege und guten Platzierungen der 20-Jährigen. In der vergangenen Saison verteidige sie an der U23-Weltmeisterschaft in Südafrika die Goldmedaille, fuhr zum ersten Mal bei der Weltcup-Elite mit und erreichte dort in der Gesamtwertung den 6. Rang. Gleichzeitig erreichte sie auf der Weltrangliste Platz 5, fuhr ihr erstes Strassenrennen und wurde zur Nachwuchssportlerin des Kantons St. Gallen gewählt.

Dem ist nicht genug: Neun Wochen verbrachte sie in Trainingslagern, trainierte mit ihrem holländischen Team, absolvierte die Rekrutenschule für Spitzensportler in Magglingen. Ein straffer Zeitplan, der Neff auch schon überforderte: An der Europameisterschaft in Bern, wo sie völlig entkräftet zu ihrer Enttäuschung den vierten Rang belegte.

Den Vater begleitet

«Mit Kollegen etwas unternehmen, Kaffee trinken, shoppen», schreibt Neff auf ihrer Homepage zur Rubrik Hobbies. Doch; bleibt dafür überhaupt noch Zeit?

«Nicht wirklich», sagt Neff, «wenn meine Freundinnen aus der Kantonsschulzeit Semesterferien haben, habe ich Hochsaison. Und dann gehe ich nie in den Ausgang.» Wehmütig klingt das allerdings nicht. Sie habe sich nach der Kantonsschule bewusst gegen ein Studium und für ein Dasein als Profi-Sportlerin entschieden.

Begonnen hat das bereits, als sie als Kind ihren Vater an Velorennen begleitete. «Meine Geschwister und ich haben an Kinder-Rennen teilgenommen», sagt sie. Bald waren es mehr als 20 Rennen pro Jahr, die Familie fuhr jedes Wochenende mit dem Wohnwagen zu einem anderen Wettkampf. Weil ihr Vater das Thaler Signer-Team aufbaute und seiner Tochter so eine optimale Trainings-Plattform bot, war die ganze Familie in den Sport involviert.

«Ich will die Beste sein»

Doch nur Neff will weiter nach oben, will an die Spitze. Dafür nimmt sie auch in Kauf, dass es schwierig ist, neue Leute kennenzulernen, ohne dass ihr Beruf zur Sprache kommt. «Ich schätze daher sehr, dass ich Freundinnen habe, die mich schon vor der Karriere kannten. Ich käme nie auf die Idee, mit ihnen über das Biken zu reden.» Und doch tut sie es umso lieber, wenn sie denn danach gefragt wird, was ihr grösstes Ziel ist: «Ich will die Beste sein», sagt sie.

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