Die Feinde des Anstands

Zwei St.Margrether SVP-Politiker treten Anstand und Privatsphäre mit Füssen und publizieren Bilder von Muslimen, die sich in ihren Augen nicht integrieren wollen. Was man dagegen tun kann. Von Andreas Rüdisüli

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Die St.Margrether SVP macht wieder einmal von sich reden: Vizepräsident Fabian Herter fotografiert in der Badi eine Muslima, die im Burkini badet und schickt die Bilder an eine Gratiszeitung. Er wittert Extremismus! Auch sein Parteipräsident Marcel Toeltl, bereits wegen Rassismus gebüsst, betätigt sich als Paparazzo. Er spaziert durch St. Margrethen und lichtet muslimische Wäsche ab, die es wagt, am Sonntag zu trocknen. «Kein Wille, sich zu integrieren!», twittert Toeltl empört (nachzulesen in der Ausgabe vom Mittwoch, 2. September).

Gegen die Anderen

Der Pranger, dieses mittelalterliche Instrument zur Demütigung von Mitmenschen, ist nie wirklich abgeschafft worden – so scheint es zumindest. Immer wieder sehen sich Leute genötigt, Andersdenkende, Andersglaubende oder Andersfühlende öffentlich mit Dreck zu bewerfen und blosszustellen.

Warum tun Fabian Herter und Marcel Toeltl das, was sie tun? Eine naheliegende und oft bemühte Antwort: Die beiden St.Margrether Denunzianten handeln aus Angst. Aus Angst davor, marginalisiert und schliesslich verdrängt zu werden von Menschen, die nicht aussehen wie sie. Die andere Kleider tragen und zu einem fremden Gott beten.

Menschen, die froh und vielleicht sogar dankbar sind, in der Schweiz zu sein, sich an die Gesetze unseres Landes halten, ihre Sitten und Bräuche aber deswegen nicht komplett aufgeben wollen.

Denunzianten, die Hass säen

Doch darf man es sich so leicht machen und Ausländerfeindlichkeit einfach mit der Angst vor dem Unbekannten begründen? Könnte es nicht sein, dass Fabian Herter und Marcel Toeltl gar keine überforderten Patrioten sind, sondern gefährliche Hetzer? Feinde von Toleranz und Anstand, die einmal mehr zu weit gegangen sind und die Privatsphäre anderer mit den Füssen treten? Denunzianten, die Hass säen?

Was können diejenigen tun, die mit Fabian Herter und Marcel Toeltl nicht einverstanden sind? Die sich nicht auf unverschämte Weise in das Leben von Mitbürgern einmischen und sämtliche Anstandsregeln über Bord werfen wollen?

Sie können versuchen, andere Realitäten gelassen zu akzeptieren. Sie als selbstverständlich verstehen. Und harmlos.

Wenn eine Muslima im Burkini badet. Wenn ein Kosovare seine Socken am Sonntag zum Trocknen aufhängt. Oder wenn eine junge Frau die Entscheidung trifft, mit dem Kopftuch zur Schule zu gehen.

Wer das nicht tun will, nimmt in Kauf, in einer Welt leben zu müssen, in der Menschen wie Fabian Herter und Marcel Toeltl sagen, was Freiheit ist – und für wen sie gilt.

andreas.ruedisueli@rheintalmedien.ch