Die falsche Frau im Hochzeitsbett

Mehrere Jahre hatte Jakob gebraucht, alle Bedingungen seines zukünftigen Schwiegervaters zu erfüllen, um die Geliebte sein Eigen nennen zu dürfen (Gen 29, erstes Buch der Bibel). Endlich, am Abend des Hochzeitsfestes, wird ihm Rahel als Braut übergeben und in sein Zelt geführt.

Ingrid Grave Dominikanerin In Zürich
Drucken
Teilen

Mehrere Jahre hatte Jakob gebraucht, alle Bedingungen seines zukünftigen Schwiegervaters zu erfüllen, um die Geliebte sein Eigen nennen zu dürfen (Gen 29, erstes Buch der Bibel). Endlich, am Abend des Hochzeitsfestes, wird ihm Rahel als Braut übergeben und in sein Zelt geführt. Am Morgen aber erkennt Jakob den Betrug. Nicht Rahel war es, die mit ihm die Nacht verbracht hatte, sondern ihre ältere Schwester Lea.

Jakob beschwert sich, sein Schwiegervater aber weist darauf hin, dass es Recht und Brauch sei, zuerst die ältere Tochter einem Manne zu übergeben.

Doch wie konnte es möglich werden, den Bräutigam so hinters Licht zu führen?

Antwort: Die Braut war – gemäss Tradition – gänzlich verschleiert.

Verschleierung der Braut oder der Frau – in der Kultur der westlichen Welt war das lange kein Thema mehr. Und jetzt, in den letzten Jahrzehnten erhitzen sich die Gemüter daran.

Was ist es denn, was uns daran so stört? Wenn es sich einfach um ein Stück Stoff handelt, mit dem eine Frau sich schmückt, muss es uns doch nicht beunruhigen. Welche Vorstellungen verknüpfen sich da blitzschnell in unserem Kopf zu einem festen Bild, wenn uns eine fremdländische Frau mit einem Kopftuch begegnet? Sie sollte unsere Bekleidungsgewohnheiten übernehmen! Vielleicht werden es ihre Kinder tun? Inzwischen aber ist diese nächste Generation erwachsen geworden, und nicht wenige der jungen Töchter tragen freiwillig das Kopftuch aus der Tradition ihrer Mütter.

Wir bezweifeln diese Freiwilligkeit und nehmen das Kopftuch als Zeichen der Unterdrückung von Frauen durch ihren Mann, durch ihre Kultur. Manchmal mag es stimmen, so wie Lea und Rahel sicher nicht gefragt wurden für einen Rollentausch bei der Heirat.

Auch ohne zu wissen, was junge Frauen letztlich bewogen hat, sich für das Kopftuch oder den Schleier zu entscheiden, ist von uns zunächst Toleranz gefordert. Denken wir nur daran, wie sehr wir uns dem Diktat der Mode beugen. Freiwillig oder aus Angst, als altbacken zu gelten? Das Kopftuch, der Schleier, als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Religion? Ja. Aber wenn die Religion Gewalt predigt? – Der Schleier von Ordensfrauen ist ein religiöses Zeichen. Es gab viel Gewalt im Christentum. Der Schleier wurde deswegen nicht zu einem befürwortenden Zeichen dieser meist männlichen Gewaltausübung im Namen der Religion. Wir haben auch heute kein Recht, Frauen einfach ins falsche Bett zu tun.