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Die Chaostheorie

Garten
Bert Stankowski

Am Sonntag hat sich ein stürmischer Wind zwischen unseren Häusern ausgetobt. Alles Laub hängt am anderen Ende mei­- nes Gartens im Zaun, das Dach meines Gartenhauses hat sich gelöst, steht gefährlich schief – und beim Nachbarn hat sich eine Tanne am Boden «schlafen» gelegt. Man könnte es ein Chaos nennen.

Es gibt da nun die berühmte Chaostheorie, auch Schmetterlingseffekt genannt, von Edward Lorenz, einem weltführenden Wetterexperten. Sie besagt, dass ein Schmetterling der in Shanghai mit seinen Flügeln schlägt, damit einen Wirbelsturm in New York auslösen könnte. Diese Metapher steht dafür, dass Wet­- ter global und langfristig nicht vorhersagbar ist. Dafür sind die Zusammenhänge zu komplex. Schon ein kleiner, unvorhergesehener Einfluss kann dazu beitragen, dass alles eben doch ganz anders wird. Das Wetter ist und bleibt chaotisch.

Meine Frau sagt, mein Garten sei ebenfalls chaotisch. Warum nicht? Ich habe keinen Rasen, sondern eine Blumenwiese als Böschung; keine perfekt eckig geschnittene Hecke, sondern ein Gewirr aus einheimischen Sämlingen wie Feldahorn, Esche, Zitterpappel und Waldbuche. Dazwischen haben sich stachelige Rosen gesellt, die Vögel und Feldmäuse mit Hagebutten versorgen. Vermutlich aus einem weggeworfenen «Öpfelbütschgi» hat sich ein wilder Apfelbaum entwickelt, der nun seit drei Jahren im Winter unsere Quartier-Amseln für Wochen mit schmackhaften, verrottenden Früchten ernährt. Ohne Chaos könnte sich das al­-les nicht entwickeln. Gut, ich bin ja auch immer noch da, sorry, meine Schere und ich wollte ich sagen.

Kurzfristig ändert sich in meinem Garten etwas, Blumen blühen auf, die vorher nicht da waren, nicht in farblicher Harmonie, sondern eben chaotisch. Eine kleine Ursache wie ein zu rabiater Rückschnitt einer Esche (die ja neuerdings auch schon fast ausstirbt, wegen der schweizweit vorrückenden Eschenkrankheit, einem japanischen Pilz) kann auslösen, dass eben alles ganz anders wird. Platz für weitere Wildkräuter und einen jungen Liguster, der sicher als Samen im Vogelkot hierher kam. Die Natur schliesst schnell jede Lücke, alles ist in Bewegung und ungeplant hat das sogenannte Chaos wieder zugeschlagen.

Nun, jedenfalls wird bald das Gartenhausdach repariert, be­-vor es noch reinregnet und mein ganzes Hab und Gut durchnässt. Das vermisste Laub habe ich schon wieder am Fuss meiner Bonsais als Winterschutz angehäuft und des Nachbars Motor­säge konnte ich vorhin auch schon hören. Damit mir das Laub beim nächsten Wintersturm nicht wieder abhanden kommt, habe ich einige Äste des letztjährigen Christbaums darauf gelegt. Sozusagen als Schutz vor dem Chaos, oder weil ich etwas gelernt habe? Jedenfalls hat sich meine Einstellung zum Chaos geändert: Chaos ist nötig, um keinen Stillstand im Lauf der Natur zu provozieren. Und mein bisschen Chaos im Garten? Ist doch nicht so schlimm, oder? Danke Edward!

Bert Stankowski

Weisslingen

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