Die Altstadt entrümpeln

Auf meiner Städtliwanderung habe ich über 200 negative Beispiele fotografiert: Je nach Sensibilität des Betrachters viel interessantes Material zum aktuellen Thema Marktgasse, zu verpassten Chancen, alte Bausünden zu beheben, die teilsanierte Zufahrt Rorschacherstrasse mit einem bestechenden Grünkonzept einladender zu gestalten, Synergien von Altstadt und Umgebung frühzeitig zu erfassen und vieles mehr.

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Altstätten, ein vermeintlich beliebter Einkaufsort im Rheintal, ist längst zur hässlichen Autostadt verkommen, in der zudem ein ästhetischer Verfall grassiert: Gusseisen mit glänzenden Chromstahlelementen, erodierender Waschbeton, düstere, überdimensionierte Stelen vor geschützten Bauten, ein unkoordiniertes Heer von Pfosten, besucherabweisende Provisorien der Freiluft-Gastronomie, fantasielose Fahnenmasten, unnötige Polizeiparkplätze an bester sonniger Marktlage usw.

Verpasster Maulkorb der Demokratie unwürdig

Ein längst fälliges Grünkonzept ist nicht erkennbar. Im neuen Freihofkreisel blühen die Stauden trotz Gartenarchitekt maximal während sechs Monaten, dann herrscht für Bewohner und Touristen «nature morte». (Ein offener, grosszügiger, grüner Stadtpark vom Friedhof bis zum Rathausplatz wäre attraktiv und günstig umzusetzen.)

Im kurzen Gespräch mit unserer obersten Behörde war konstruktive Kritik leider unerwünscht, der vom engagierten Bürger zu erwartende, sachliche Dialog sehr einsilbig und der verpasste Maulkorb an der öffentlichen Auseinandersetzung höchst peinlich – unserer Demokratie unwürdig.

Der historisch wohl einmalige Eingriff in die Vor- und Altstadtstruktur setzt vorgängig eine Analyse des gesamten Altstadtkerns voraus. Die ganze Altstadt muss dringend entrümpelt werden, die gigantischen neuen Ortstafeln sind ebenfalls gleich wieder einzuschmelzen. Gefragt sind eine hohe Qualität von Neubauten (z. B. Frauenhofareal) von Aussen- und Freiräumen, die zu Orten der Begegnung werden. Bestehende Qualitäten sind zu erhalten und ganzheitlich einzubinden.

Sensibilität, Weitsicht und Fantasie gefordert

Nicht allein die Marktgasse, sondern die gesamte Altstadt muss gleichzeitig erfasst und analysiert werden.

Diese Entwicklung ist ein komplexes Unterfangen und ist deshalb mit höchster Fachkompetenz anzugehen.

Die spezifische Prägung des Ortes ist massgebend für eine Veränderungsstrategie. Eine moderne Lösung muss den historischen Kern kontrastreich ins Ganze einbinden. Dies ­erfordert von den zuständigen Behörden ein hohes Mass an Sensibilität, Weitsicht und Fantasie.

Fred Müller,

dipl. Architekt, Altstätten