Die älteste Kuh von St. Gallen

Milchkuh Strebe ist 24 Jahre alt und lebt auf einem Hof in Wittenbach. Sie ist eine der wenigen Kühe, die nicht beim Metzger landen, wenn sie zu alt sind, um Milch zu produzieren. Dafür bezahlt der Tierschutzverein 200 Franken pro Monat.

Nina Rudnicki
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WITTENBACH. Strebe ist die älteste Kuh des Kantons St. Gallen. Von ihren 24 Lebensjahren hat sie 19 auf einem Bauernhof im Bernbiet verbracht und Milch produziert. Seit fünf Jahren lebt sie auf dem Hof von Gerd Maring und Ernst Tanner in Wittenbach und muss nichts mehr tun. Der Tierschutzverein Bischofszell-Weinfelden und Umgebung, dem Strebe seit fünf Jahren gehört, hat sie hierher gebracht. Auf Wunsch der Bernbieter Bauerntochter, die es nicht ertragen konnte, dass ihr Vater ihre Lieblingskuh, mit der sie aufgewachsen war, zum Metzger bringen wollte. Denn Strebe brachte wegen ihres Alters keinen Ertrag mehr.

Vier Liter mehr Milch pro Tag

Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 2013 gibt es mehr als eine halbe Million Milchkühe in der Schweiz. Sie produzieren rund vier Millionen Tonnen Milch pro Jahr. Eine Rekordmenge, obwohl die Zahl der Milchkühe seit der Jahrtausendwende um zwölf Prozent abgenommen hat. Denn mittlerweile produziert eine Kuh wegen Fortschritten in der Zucht durchschnittlich vier Liter mehr Milch pro Tag. Kann eine Kuh nicht mehr trächtig und daher auch nicht mehr gemolken werden, gibt es für sie keinen Platz mehr. Auf einem Gnadenhof wie jenem in Wittenbach landen die wenigsten. In den Kantonen St. Gallen und Thurgau sind es mit Strebe insgesamt 40 Kühe, für die der Tierschutzverein Bischofszell-Weinfelden und Umgebung mit seinem Projekt «viva la vacca» einen Platz gefunden hat. Sieben davon leben mit Strebe in Wittenbach. Die jüngste Kuh ist zwei Jahre alt und auf dem Hof geboren. «Ihre Mutter wurde zu uns gebracht, weil der Besitzer dachte, sie könne nicht mehr trächtig werden», sagt Reinhold Zepf, Präsident des Tierschutzvereins. «Bis wir merkten, dass sie bereits trächtig war. Mutter und Neugeborenes blieben dann bei uns.» Die übrigen Kühe sind zwischen fünf und 17 Jahre alt. Dass Strebe mit Abstand die älteste hier ist, sieht man ihr auf den ersten Blick an. Von ihrem Fell, das einst dunkel war, sind nur mehr graue und ausgeblichene Zotteln geblieben. Und während die anderen Kühe bereits auf der Weide verschwunden sind, steht Strebe noch immer auf dem Vorplatz der Scheune herum. «Bei ihr ist das eben wie bei einem 85-jährigen Menschen. Alles geht viel langsamer», sagt Zepf. Er schätzt, dass Strebe noch ein Jahr leben wird. Vielleicht auch zwei oder drei.

Ein ganzes Migros-Kühlregal

200 Franken bezahlt der Tierschutzverein pro Monat an einen Bauern, wenn er eine ausgemusterte Kuh bei sich aufnimmt. Dafür ist er auf Spenden angewiesen. Und auf Paten, die sich aus Tierfreunden aus der ganzen Schweiz zusammensetzen. «Das sind Personen, die jenen Lebewesen etwas zurückgeben wollen, die so viel für uns Menschen getan haben», sagt Zepf und nennt das Beispiel vom Migros-Kühlregal mit all seinen Milchprodukten.

Die Idee, dass man alte Kühe auf einem Gnadenhof platzieren könnte, fand Zepf zunächst absurd. Vor dreizehn Jahren meldete sich ein Lehrer bei ihm, der aus Mitleid eine alte Kuh gekauft hatte und verzweifelt einen Ort für sie suchte. «Ich dachte, das ist ja wahnsinnig, wegen einer Kuh so einen Aufwand zu betreiben», sagt Zepf. «Als ich dann aber merkte, dass es schweizweit niemanden gab, der alte Kühe aufnahm, beschloss ich das Projekt <viva la vacca> zu gründen.» Das habe in den Medien bis nach China für Schlagzeilen gesorgt.

Eine Urne als Erinnerung

Geht es mit Strebe, die zu der Rasse der Hinterwälder gehört, einmal zu Ende, wird sie eingeschläfert und anschliessend verbrannt. Einige Besitzer oder Paten würden die Asche laut Zepf in Urnen aufbewahren. Die letzte Station für die meisten der übrigen 500 000 Milchkühe in der Schweiz ist hingegen der Metzger. Hier werden sie etwa zu Würsten verarbeitet. Zepf sagt: «1000 Franken bekommt ein Bauer pro Kuh in diesem Fall immerhin noch. Mal mehr, mal weniger.»

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