Der Unermüdliche mit dem Überblick

REUTE. Sein Buch über die Tradition des Totentanzes ist Rainer Stöcklis grosser Stolz. Legte man alle Werke übereinander, an denen der pensionierte Kanti-Deutschlehrer beteiligt war, es könnte ein Zwei-Meter-Stapel werden. Unermüdlich ist er nach wie vor am Werk.

Gert Bruderer
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Der ehemalige Kanti-Deutschlehrer Rainer Stöckli spürt im Verborgenen leuchtende Texte auf, um sie ans Licht zu bringen. (Bild: Gert Bruderer)

Der ehemalige Kanti-Deutschlehrer Rainer Stöckli spürt im Verborgenen leuchtende Texte auf, um sie ans Licht zu bringen. (Bild: Gert Bruderer)

Nicht Literatur für die breite Masse bringt Rainer Stöckli auf den Buchmarkt. Er widmet sich, ob als Autor oder Herausgeber, vorzugsweise Unscheinbarem, steckt mit ausgeprägtem Spürsinn Kraft in leicht zu Übersehendes und lange Übergangenes, bringt wie ein Geburtshelfer schöngeistige Literatur ans Licht.

Als Juror sucht er nach literarischen Perlen, als Rezensent, der sich in Tageszeitungen wie der Neuen Zürcher Zeitung zu dreihundert Büchern geäussert hat, lenkt er Aufmerksamkeit auf herausragende Fundstücke, oft auf ein kleines Stück kostbare Schweizer Literatur. Mit Wonne ist er «tschuld» daran, dass im Verborgenen leuchtende Texte den Weg in die Regale von Buchhandlungen finden und hier, idealerweise prominent platziert – neben Rilke, Goethe, Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt – zum Zugreifen bewegen.

Zuständig geworden

Jüngst hat den pensionierten Kanti-Deutschlehrer ein Sammelband mit Selbstbildnissen von Schweizer Holzschneidern beschäftigt («Selbst – 70 Jahre Xylon Schweiz»), für den er die Einleitung schrieb. Es ist ein Essay über das Wesen des (in der graphischen Kunst seltenen) Selbstporträts. Auch dem Fluchen in der schönen Literatur hat er, für eine andere Edition, einen Text gewidmet. Irgendwann, sagt Rainer Stöckli, werde man zuständig für dieses und jenes. Will heissen: Wer sein Leben lang den Blick auf Schweizer Literatur richtet, jede Regung wahrnimmt, jeden neuen Titel registriert, der kann nicht anders, als sich auch zu äussern, teilzuhaben an einer Entwicklung und Einfluss zu nehmen. Überblick als Voraussetzung, Überblick als Verpflichtung: Nur wer ihn hat, findet Stöckli, vermag einer Sache gerecht zu werden – und soll danach streben.

«Totentanz-Welle»

Während der Rekrutenschule konnte Rainer Stöckli an den Wochenenden nicht nach Hause, wegen der Distanz. Er hielt oft Wache, was mit Lesen gleichbedeutend war. Die bevorzugte Literatur entstammte schon damals dem eigenen Lebensraum, der Ostschweiz. Besonders schön dokumentiert eine Anthologie diese Beziehung Stöcklis zur hiesigen Literatur, das vor fünf Jahren von ihm veröffentlichte Werk «Säntis und Alpstein im Gedicht». Wie Berggipfel im Abendlicht fasziniert die Sammlung mit Erhabenheit und Anmut.

Seit Jahrzehnten lebt Stöckli in Schachen bei Reute. Hier, auf 700 Meter über Meer, verbringt er viel Zeit in der Privatbibliothek, einer der grössten in der Region. Anders als der Blick nach draussen, wo die Berge nahe stehen, hat das Interesse für den Totentanz den Horizont geweitet. Früh hat Stöckli sich für Holzschnitte begeistert, Mitte der Achtzigerjahre nahm er eine Strömung wahr, er sagt «Totentanz-Welle». Sie faszinierte ihn, so, dass er «driizbiisse» begann, als Leser, als Sammler, als Schreibender. Für das 19. und 20. Jahrhundert ist Rainer Stöckli ein Exponent, das zeigt sein Buch von 1996, «Zeitlos tanzt der Tod». Der Mensch, der aus dem Leben scheidet, dieses Thema hat den Literaten lange Zeit beschäftigt. Mit dem Thema und dem Buch zum Totentanz kontrastiert das 15 Jahre später von ihm und Ina Praetorius herausgegebene Werk «Wir kommen nackt ins Licht, wir haben keine Wahl» (Appenzeller Verlag).

Das Wort als Freund

Viele Ostschweizer Autoren – unter ihnen die nicht mehr lebenden Peter Morger und Christian Mägerle – haben dank Rainer Stöckli wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit gefunden, als ihnen sonst zuteil geworden wäre. Was der Journalist Peter Surber über Christian Mägerle einmal geschrieben hat, trifft ebenso auf Rainer Stöckli zu, dessen eigene Lyrik in sieben Gedichtbänden versammelt ist. Surbers Satz lautet: «Er hat das Wort wie einen lieben Freund gepflegt.»

Die erwähnten Bände sind alle noch erhältlich, «Zeitlos tanzt der Tod» aber nur antiquarisch.

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