Der Traumprinz ist katholisch und Kroate

Tell me a fairy tale – erzähl mir ein Märchen»: Die Freifachtheatergruppe der Oberstufe Mittelrheintal führte am Wochenende ein faszinierendes, selbst erarbeitetes Stück über die Träume und Zukunftswünsche der heutigen Jugend auf.

Max Tinner
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Schneewittchen der Neuzeit: Selbst ein Bissen vom Apfel des Lebens kann einem in den falschen Hals kommen. (Bild: Max Tinner)

Schneewittchen der Neuzeit: Selbst ein Bissen vom Apfel des Lebens kann einem in den falschen Hals kommen. (Bild: Max Tinner)

Rotkäppchen, Schneewittchen, der Froschkönig, Rapunzel, der Wolf und die sieben Geisslein: Die Freifachtheatergruppe der Oberstufe Mittelrheintal (OMR) spielte sich an ihren Aufführungen am Freitag und am Samstag durch eine ganze Reihe Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Allerdings nicht so, wie sie einem als Kind erzählt worden sind, sondern modern interpretiert und auf eine Weise gespielt, die auch dem Publikum viel Interpretationsspielraum lässt.

Die sieben Schauspielerinnen und der eine Schauspieler der OMR-Theatergruppe setzten sich Brillen auf, die sie in ein Zauberland versetzten. Ein Zauberland hat das Potenzial, Träume wahr werden zu lassen. Manche Wünsche der heutigen Jugend sind nicht mehr dieselben wie jene früherer Generationen, und doch sind sie sich sehr ähnlich.

«Immer soll er für mich da sein, mich von Herzen lieben»

Man träumt zwar vom eigenen Auto statt von einem Pferd, aber nach wie vor vom eigenen Haus, von Freundschaften, die ewig halten, oder auch vom Familienglück mit einem Traumprinzen, von dem die Schauspielerinnen schon eine sehr genaue Vorstellung haben: «Blaue Augen muss er haben, er muss mich zum Lachen bringen, mich von ganzem Herzen lieben, immer für mich da sein … » Ausserdem soll er katholisch sein und Kroate.

«Wer in einem Zauberland will schon zurück in die reale Welt?», fragten die jugendlichen Schauspieler schon zu Beginn des Stücks. Aber selbst in einem Zauberland bringt ein Apfel des Lebens eben nicht nur Glück und Gesundheit: Gerät einem ein Bissen in den falschen Hals, droht man daran zu ersticken. Und den Mädchen ist klar, dass im realen Leben so mancher Prinz eben doch nur ein Frosch ist.

Mit ihrem selbsterarbeiteten Stück bewiesen die Theatergruppe und deren Leiterin Angelique Anderegg, dass die in manchen Augen antiquiert scheinenden Märchen der Gebrüder Grimm einem selbst heute noch viel zu sagen haben – wenn man sie denn modern interpretiert. Die OMR-Theatergruppe tat dies mit Bildern, die mal surreal wirkten, dann wieder ergreifend poetisch. Verstärkt wurde die Wirkung noch durch die musikalischen Intermezzi der OMR-Band unter der Leitung von Wolfgang Huber.

Das Theaterspielen wird den Schülerinnen und Schülern der dritten Oberstufe als Freifach angeboten. Die aktuelle Inszenierung war die fünfte, die Angelique Anderegg realisiert hat. Die Teilnehmenden lernen dabei, sich in eine Rolle hineinzuversetzen. Sie bauen dabei ihr Selbstwertgefühl auf und lernen, diszipliniert auf ein Ziel hinzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen für ihren Anteil am Zustandekommen eines grossen Ganzen.

«Es macht aber auch viel Spass, miteinander zu spielen und sich vorzustellen, jemand ganz anders zu sein», sagt Ilijana Zeba aus Balgach, eine der Schauspielerinnen. Fürs Theater Feuer gefangen hat auch die Berneckerin Arbenita Feraj. Sie hätte als Schülerin der zweiten Oberstufe eigentlich noch gar nicht Gelegenheit zum Mitmachen gehabt, ist aber kurzfristig eingesprungen, als jemand ausfiel. Nächstes Jahr will sie unbedingt wieder dabei sein. Und wer weiss: Vielleicht bleibt es ja nicht dabei. So manche Bühnenkarriere hat in der Schule ihren Anfang genommen. Manche Märchen werden eben doch wahr.