Der Schwan stirbt allein

Aktuell sind in der Rorschacher Bucht viele Schwäne zu sehen. Graziös ziehen sie ihre Kreise im ruhigen See. Doch wo sterben Schwäne? Ornithologe Walter Gabathuler kennt ihr Verhalten.

Marco Kamber
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Sterbender Schwan: Wenn der Tod naht, ziehen sich Schwäne zurück, um in Frieden zu sterben. (Bild: Marco Kamber)

Sterbender Schwan: Wenn der Tod naht, ziehen sich Schwäne zurück, um in Frieden zu sterben. (Bild: Marco Kamber)

SEEREGION. Leser berichteten in den vergangenen Wochen über Beobachtungen aussergewöhnlich grosser Schwanen-Gruppen in der Rorschacher Bucht. Rund drei Dutzend Schwaneneltern, im Gefolge ihre Jungen, zählte eine Leserin in Rorschach. «Dies ist keine aussergewöhnlich hohe Zahl», meint der Rheinecker Ornithologe Walter Gabathuler. Im Winter, wenn sich zu den heimischen Höckerschwänen die zugezogenen Zwergschwäne aus der arktischen Tundra dazugesellen, könne man gar noch grössere Gruppen beobachten. Auch Singschwäne seien in der kalten Jahreszeit regelmässig hier zu Gast.

Der Höckerschwan, umgangssprachlich oft «Bodenseeschwan» genannt, ist das Tier, welches Bewohner der Seeregion als den typischen Schwan kennen. Meistens sieht man die Wasservögel, die bis zu 14 Kilogramm wiegen, paarweise über den See ziehen. Lange glaubte man, die Tiere würden nie den Partner wechseln – dieses monogame Verhalten wird heute allerdings von manchen Forschern angezweifelt.

«Gerne brüten die Tiere im Altenrhein», erklärt Gabathuler. Er habe zwei Neste gezählt, mit insgesamt 12 Jungtieren. Aktuell, wie auch im Vorjahr sei eine gute Brut verzeichnet worden. «In den Jahren zuvor war es schwieriger», sagt der Ornithologe. Schnell wechselnde Pegelstände werden oft zum Verhängnis – die Nester werden dann gnadenlos weggeschwemmt.

Heimtückische Flut

Der Höckerschwan ist ein langlebiges Tier. Nicht selten begleiten uns die graziösen Wasservögel bis zu 20 Jahre lang mit ihrer Anwesenheit im ufernahen Wasser. Entsprechend rätselhaft erscheint der Tod des Schwans. So wird oft gefragt: Hast du schon mal einen toten Schwan gesehen?

Walter Gabathuler, stetiger Beobachter und genauer Kenner der Vögel, beantwortet diese Frage mit einem «Ja». Doch auch er, Protagonist einer mehrerer Jahrzehnte langen Ornithologen-Biographie kann diese Sichtungen an zwei Händen abzählen.

Rückzug in ruhige Gebiete

«Spürt der Schwan den nahen Tod – sei es aufgrund von Altersschwäche oder einer schweren Verletzung, zieht er sich zurück in die Schilfgebiete». Wie andere Lebewesen, so auch der Mensch, will der Schwan nicht in der Öffentlichkeit sterben. «Er weicht aus, in ruhige Gebiete», sagt Gabathuler.

Dies mag der Grund sein, warum an unseren Seepromenaden höchst selten tote Schwäne zu sehen sind. Ausnahmen kommen aber vor, sagt Gabathuler: «Etwa nach einem Kampf mit einem anderen Schwan. Denn da geht es oft kaltblütig zu und her». Aber auch Menschen seien schon am Tod des eleganten hochweissen Federtiers verantwortlich gewesen. «Das ist abscheulich, kommt aber vor», so Gabathuler. Er erzählt Geschichten von Rache; Nachdem etwa ein «Böötler» einmal von einem Schwan angefaucht worden sei, habe dieser später einen Schwan erschlagen.

Ein abscheuliches Bild, das in Gedanken schnell einmal von einer nebligen Mystik umgarnt wird; kommt doch der Schwan in manch einer Sage vor. Man denke an den Schwarzen Schwan, dessen Erscheinen in einigen Kulturkreisen eine Prophezeiung für das Dunkle, gar den Tod steht.

Vom Tod auf die Bühne

Symbolträchtig ist auch «der Sterbende Schwan» – das Tanzstück in Anlehnung an Pjotr Tschaikowskys Ballett «Schwanensee». Die Primaballerina wirbelt leichtfüssig über das Parkett – es sind die letzten Bewegungen, bewusst bis zum Tod, bis zum Schluss, wenn sie ihren Kopf über die Schulter legt und seitlich zu Boden sinkt, mit einer unübertrefflichen Grazie und Eleganz.

Gabathuler weiss, woher der Mensch dieses Bild kennt: «Es gab eine Zeit, da starben viele Schwäne in fernöstlichen Ländern, schwimmend auf dem Wasser». Grund dafür waren Quecksilber- und Bleivergiftungen. «Diese Bilder gingen dann um die Welt.»