«Der Radsport ist ein Teil von mir»

Kaum jemand ist so stark mit dem Velofahren verbunden wie René Savary aus Oberriet. Vor 40 Jahren fieberte das Rheintal mit ihm mit, als das Schweizer Team die Mannschaftsverfolgung an der Olympiade in München bestritt. Das war der Anfang einer schillernden Radsport-Karriere.

Bea Sutter
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OBERRIET. Es ist einer der seltenen heissen Juli-Nachmittage. Ich stehe vor dem Café Rothus in Oberriet, wenige Minuten vor der vereinbarten Zeit: 13 Uhr. René Savary sehe ich bereits von Weitem, natürlich kommt er mit dem Velo. Nach der Begrüssung schlug er vor, zum Wichensteiner See zu spazieren. Wir begaben uns auf die Eichbergerstrasse und bogen einige Hundert Meter später in einen Feldweg ein. Bald befanden wir uns mitten in einer prächtigen Naturlandschaft.

René Savary sagt: «Ich war in meinem Leben sehr viel unterwegs, und bin es heute noch. Aber das hier ist mein Zuhause. Hier kann ich auftanken.» Am Wichensteiner See angelangt, kommen Erinnerungen an seine Jugendzeit hoch. Er zeigt hinauf zum Semelenberg, der auf der anderen Seite des Sees stolz in den blauen Himmel ragt. Bei genauem Hinschauen erkennt man eine Höhle, die Ruine Wichenstein. «Das war für uns Buben die Räuberhöhle», erklärt er. In seiner Jugend sei er viel da oben gewesen. «Über der Räuberhöhle, auf dem Semelenberg, habe ich später sehr oft mein Querfeldein-Training absolviert.»

«Es lief wie am Schnürchen»

«Für mich war und ist das Velo nicht nur ein praktisches Fortbewegungsmittel. Ich entdeckte bald die Leidenschaft zum Radsport», blickt René Savary zurück. Und zwar hätten ihn damals schon bekannte Radsportler bei einer Velotour zum Radsport überredet. Mit Martin, Bernhard und Walter Steger, alle aus Oberriet, und dem Altstätter Christian Brunner sei er dann regelmässig mitgefahren. «Ich nahm ab 1965 an Radrennen teil», erzählt René Savary. Als 19-Jähriger siegte er im Jahr 1968 beim Schweizerischen Kilometertest (Nachwuchs-Talentwettbewerb). Dieser Sieg und viele weitere gute Resultate ebneten dem jungen Oberrieter den Weg ins Junioren-Nationalkader und ein Jahr darauf ins Bahn-Nationalkader. In den Jahren zwischen 1970 und 1972 gewann der Eliteamateur fast alle wichtigen Strassen- und Bahnrennen, erreichte nationale und und internationale Bekanntheit. «Es lief alles wie am Schnürchen», erinnert sich René Savary. Die Erfolgsserie führte zur Qualifikation für die Olympischen Spiele in München. «Wir klassierten uns in der Mannschaftsverfolgung im sechsten Rang.»

Erlebtes zählt, nicht Trophäen

Auf die Frage, ob er damit zufrieden gewesen sei, kam die Antwort: «Nicht ganz, wir hätten sicher gerne eine Medaille gehabt.» Obwohl ihm Medaillen, Pokale und Trophäen nichts bedeuten. «Ich weiss nicht, ob das Olympische Diplom überhaupt noch irgendwo existiert.» Für Savary zählen die Erlebnisse. «Nirgendwo erlebt man so viel wie im Sport.» Man kommt durch die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen in der Welt herum, lernt Länder und Kulturen und viele interessante Menschen kennen, teilt die Freuden über Siege und die Leiden über Niederlagen miteinander. «All das möchte ich nicht missen. Ich habe alle Erinnerungen in mir drin», sagt einer, der als Profi zwischen 1972 und 1982 über 100 Sechstagerennen, zehnmal die Tour de Suisse, einmal den Giro d'Italia und siebenmal die Tour de Romandie gefahren ist. Insgesamt waren 120 Siege auf Strasse und Bahn zusammengekommen. Dass er der einzige Schweizer ist, der Strassenrennen, sämtliche Bahndisziplinen und Querfeldein-Rennen an internationalen Veranstaltungen gefahren ist, erfülle Savary mit Stolz. Nach dem Rücktritt aus dem Aktivsport gab er seine Erfahrungen und sein Wissen als Nationaltrainer und Sportlicher Leiter weiter. Die Weltmeisterschaften in England, Italien und Spanien sowie die Olympischen Spiele in Los Angeles im Jahr 1984 erlebte er als Trainer der Nationalmannschaft.

Schicksalhafte 50 Franken

«Eigentlich wollte ich 1972, nach den Olympischen Spielen in München, die Radsport-Karriere abschliessen», fährt Savary mit seinen Erinnerungen fort. Er erlernte den Beruf des Feinmechanikers bei der damaligen Wild Heerbrugg (heute Leica) und bildete sich zum Technischen Kaufmann aus. Gute Voraussetzungen, um ins Berufsleben zurückzukehren. Aber die Ölkrise führte zu einer Rezession, die auch die Rheintaler Wirtschaft spürte. René Savary erinnert sich: «Ich hatte einen Job in Aussicht. Aber bei den Lohnverhandlungen scheiterte das Ganze. Ich verlangte beim Monatslohn 50 Franken mehr, als das Unternehmen mir zahlen wollte.» Der vielseitig Begabte sah dann aber seine Chance im Radsport und stieg ins Geschäft als Radprofi ein. «Der Anfang war sehr schwer, und es liess sich dabei in den ersten Jahren nicht viel verdienen. Aber ich kam zurecht, und nach einiger Zeit ging's dann richtig aufwärts.»

Viel Glück gehabt

René Savary sei sich bewusst, dass es für eine erfolgreiche Karriere auch viel Glück braucht. Dass ihm dies beschieden war, erfülle ihn mit Dankbarkeit. «Ich bin dankbar, dass mich meine Eltern stets in meinen Vorhaben unterstützten» , sagt er. Glück allein genüge jedoch nicht. Nur hartes Training und eiserne Disziplin führen zum Sieg. Auch in jenen Jahren, als René Savary den Radsport für einige Jahre aufs Eis legte und sich im Gesundheits- und Fitnessbereich betätigte, hatte der ehemalige Rad-Profi grossen Erfolg.

2001 erhielt Savary die Chance, als Sportlicher Leiter im Phonak-Cycling-Team und später im BMC-Cycling-Team, ebenfalls als Sportlicher Leiter, mitzuarbeiten. Von 2005 bis 2010 wurde er zum Nationalcoach der Berufsradrennfahrer berufen und konnte mit Fabian Cancellara gleich viermal den Zeitfahr-Weltmeister und an den Olympischen Spielen 2008 in Peking den Olympiasieger im Zeitfahren und Silbermedaillengewinner im Strassenrennen coachen.

Vierte Olympische Spiele

Ebenfalls erfüllt ihn mit Stolz, dass er nach London viermal an Olympischen Spielen teilnehmen konnte. Und zwar jedes Mal in einer anderen Funktion: 1972 in München als Athlet, 1984 in Los Angeles als Bahn-Nationaltrainer, 2008 in Peking als Nationaltrainer der Strassen-Radprofis, jetzt im August 2012 als Nationaltrainer der Handbiker an den Paralympics in London. Auch das dürfte ziemlich einzigartig sein.

Seit 2011 trainiert René Savary mit Erfolg die Handbiker der Schweizerischen Paraplegiker-Vereinigung. Ende August werden die von ihm trainierten Spitzensportler an den Paralympics in London im Einsatz sein. Savary ist beeindruckt, mit welchem Willen sein Team Spitzenleistungen erbringt. «Wer sportlich erfolgreich sein will, muss an seine Grenzen gehen», sagt Savary.

«Der Radsport ist ein Teil von mir, er begleitet mich das ganze Leben.» Nicht nur im Job, sondern auch in der Freizeit ist René Savary auf dem Velo unterwegs. Ob er trainiert, um fit zu bleiben, oder ob er im Dorf etwas einkauft – das Fahrrad ist meistens dabei.