Der «Osterhase» ist zurück

DIEPOLDSAU. 60 Jahre ist sie alt, die ehemalige Rangierlok der Viscosuisse. Gestern trennten sich Philipp und Werner Jäger von dem Zeugen Rheintaler Industriegeschichte. Die Dampfspeicherlok kehrte an ihren ursprünglichen Standort zurück.

Monika von der Linden
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Paul Sieber holt die Lok zurück. Es gibt aber noch viel zu tun.

Paul Sieber holt die Lok zurück. Es gibt aber noch viel zu tun.

DIEPOLDSAU. Eine ungewöhnliche Unruhe ist am Freitagmorgen am Kirchweg 17 in Diepoldsau zu spüren. Autokran und Schwertransporter fahren auf. Zaungäste treffen ein und Fenster der Nachbarhäuser öffnen sich. «Was passiert hier?», fragt ein Passant im Vorübergehen.

Aus dem Garten von Philipp Jäger wird die alte Industrielokomotive der Viscosuisse AG in Widnau abtransportiert. Zehn Jahre lang erinnerte sie dort an die grosse Garnfabrik, den ersten Industriebetrieb im Rheintal und an ein Zeitalter, dessen Geschichte längst abgeschlossen ist. «Nun kommt sie an den Ursprungsort zurück», sagt Philipp Jäger und verhehlt nicht, dass ihm der Abschied schwer fällt.

«Er hat vor zehn Jahren ein gutes Herz bewiesen», sagt Paul Sieber. «Hätte Philipp Jäger damals die Lok nicht gekauft, wäre sie verschrottet worden.» Paul Sieber (Sieber Transport AG, Berneck) hat wie Familie Jäger eine besondere Beziehung zur Viscosuisse. Heute ist er Präsident der Interessengemeinschaft Viscosepark. Sein Vater Alois Sieber war 40 Jahre lang Schreiner. «Er hat mir gezeigt, wie der Stiel in den Hammer gesteckt wird», sagt Werner Jäger, als er Alois Sieber entdeckt.

Nicht getauft, nur ein Übername

Werner Jäger war der letzte Lokführer des «Osterhasen». «Ich habe die Lok gewartet und kenne sie seit 40 Jahren», sagt er und erinnert sich an den 15. April 1953: «Mein Vater hat auch dort gearbeitet. Wir sassen beim Mittagessen und er erzählte schweren Herzens, die Oster-Gratifikation sei gestrichen worden.» Das sei ein schwerer Schlag für eine Familie, die kein Geld hat, sagt er weiter.

Normalerweise werde eine Lok bei der Inbetriebnahme getauft. Weil sie mit der Streichung der Gratifikation zusammenfiel, waren die Mitarbeiter etwas böse, weiss Paul Sieber. «Sie gaben ihr den Übernamen <Osterhase>. Die Geschäftsleitung hat sich nicht getraut, der Lok einen anderen Namen zu geben. Ein Namensschild hat sie nie bekommen.»

Sie gehört an den Betriebsort

Während die Mitarbeiter der Emil Egger AG die Lok für den Umzug vorbereiten, erzählt Paul Sieber. Er hatte die Idee, die Industrielok zurück an ihren Einsatzort zu holen. Der Präsident der Interessengemeinschaft Viscosepark, in der heute etwa 80 Firmen zusammengefasst sind, liess ein Jahr lang nicht locker. «Ich bin regelmässig zu Philipp Jäger in die Werkstatt gegangen und habe ihn überzeugt, sie zu verkaufen.» Schweren Herzens habe er zugestimmt und es sei sicher nicht wegen des Geldes gewesen, sagt Philipp Jäger. «Bei grossen Geschäften vereinbart man Stillschweigen über den Verkaufspreis», lacht sein Vater. Dass es sich um ein grosses Geschäft handelt, stellt niemand in Frage. Gross sind auf jeden Fall die Erinnerungen und die Gefühle.

Dampflok-Fans gesucht

«Wir weinen beide», sagt Paul Sieber. «Werner Jäger, weil er sich verabschieden muss. Ich, weil noch ganz viel Arbeit zu leisten ist.» Die Rückführung der Lok ist nämlich nur der erste Schritt. Die Witterung hat der Lok stark zugesetzt. Die Restauration des 60-jährigen Denkmals steht erst bevor. Deshalb sucht Paul Sieber Dampflok-Fans. Mit ihnen möchte er den «Osterhasen» wieder in Stand stellen. Ein zu gründender Verein soll sich ausserdem mit dem geschichtlichen Hintergrund der Rarität befassen. Da in der Viscosuisse Explosionsgefahr bestand, wurde die Lok nicht mit Kohle befeuert. Die Dampfspeicherlok wurde von der deutschen Firma Jung GmbH in Jungenthal speziell konzipiert und erbaut. Die Rangierlok, mit einer Zugkraft von 1200 Tonnen, werde nicht mehr in Betrieb genommen. Sie komme aber wieder auf Gleise zu stehen, öffentlich zugänglich, sagt Paul Sieber.

Dann ist es so weit: 17,5 Tonnen Industriegeschichte heben ab. Die Lok wird ohne Probleme und zentimetergenau auf den Schwertransporter gehoben, fest verankert. Die Reise geht in die alte und neue Heimat – beginnt und gelingt.

«Jetzt hat sie abgehoben, sie schwebt», sagt Paul Jäger, der letzte Lokführer der Industrielok. (Bilder: Monika von der Linden)

«Jetzt hat sie abgehoben, sie schwebt», sagt Paul Jäger, der letzte Lokführer der Industrielok. (Bilder: Monika von der Linden)

Philipp (l.) und Werner Jäger fällt der Abschied von ihrer Lok schwer.

Philipp (l.) und Werner Jäger fällt der Abschied von ihrer Lok schwer.