Der Mohn ist aufgegangen

Garten

Urs Stieger
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Eine fantastische Mohnblüte. (Bild: Urs Stieger)

Eine fantastische Mohnblüte. (Bild: Urs Stieger)

Wenige Blumen sind bei Künstlern und natürlich Künstlerinnen, seien es professionelle oder Hobbymaler, so beliebt wie Mohn. Nicht nur Maler, auch Dichter haben sich mit ihm beschäftigt. Mohn, lateinisch Papaver, gibt es etwa 80 Arten und Tausende Züchtungen. Dabei sind in den letzten Jahren gefüllte Mohnpflanzen gezüchtet worden, die in Farben und Form Päonien, Pfingstrosen, täuschend ähnlich sind. Im Gegensatz zu Pfingstrosen ist aber Mohn nicht eine jahrelange Geduldsprobe und in der Regel leicht zu ziehen.

Die einfachen, roten Blüten des Klatschmohns sieht man wieder vermehrt an Strassenrändern, Getreidefeldern und un­bepflanzten Gemüsebeeten. Die verknitterten Blütenblätter öffnen sich am Morgen und halten nur ein paar Stunden, dann ist der Zauber schon wieder vorbei.

«Türkenmohn» ist mehrjährig, grossblütig und eine fantastische «Konstruktion» mit den vielen Staubgefässen. Käfer, Bienen, Hummeln tummeln sich im Überfluss. Auch diese grossen Blüten halten nur einige Stunden. Da aber immer wieder neue gebildet werden, ist der Effekt grandios, vor allem bei niederer Sonne im Gegenlicht.

Das ist auch das gärtnerische «Problem» für einige Leute, da das starke Rot zum komplementären Grün völlig dominant ist. Kräftiges Rot (und Gelb) ist für empfindliche Gartengemüter sogar Tabu. Anderseits passt die Pflanze ideal zur zeitgenössischen Idee des Pop-Gartens. Auch im Garten sind «Geschmäcker» von Leuten und Pflanzen verschieden. Die allermeisten Mohne duften aber nicht. Wer lieber blauen Mohn im Garten will, kann ja den berühmten (Die mythische blaue Blume?) Scheinmohn (Meconopsis) pflanzen. Dieser ist auch für erfahrene Gärtner eine dauernde Herausforderung und relativ schwierig zu kultivieren. Der Rhätische Alpenmohn ist eine schöne gelbe Sorte, die vor allem im Engadin zu bewundern ist.

Ein Bürokratiemonster wurde aus einer lila-weiss-blauen Sorte gemacht, die bei uns im Garten seit Jahrzehnten jedes Jahr irgendwo wieder blüht, obwohl sie niemand pflanzt: Schlafmohn. Ihr Anbau im Hobbygarten ist in Deutschland genehmigungspflichtig, es dürfen nur ein paar Pflanzen mit sehr niedrigem Morphingehalt die Gärtnerherzen erfreuen, dabei ist die Bewilligungsgebühr happig. Wer jetzt vorschnell meint, das sei typisch EU-Bürokratie, irrt: In Österreich, Polen, Slowakei ist Mohnsamen ein Nationalerbe, der seit Jahrhunderten in Gebäcken und Mehlspeisen verarbeitet wird. Die Insassen deutscher Gefängnisse müssen auf den Genuss dieser Gerichte aber verzichten, da im Urin nach dem Mohnstrudel Opiate nachgewiesen werden können.

Ich mag ihn nicht, den Mohnsamen. Umso mehr die roten Knaller im Garten und in der Landschaft.

Urs Stieger

Berneck

Der Autor der «Gartenkolumnen» liest und referiert zum Thema am Mittwoch, 7. Juni, um 19.30 Uhr in der Bibliothek Berneck.