Der Mann mit dem Zauberwort

ALTSTÄTTEN. Er gilt als liebenswürdiger Brückenbauer und hat viele – auch sich selbst – mit seiner Kandidatur für das Altstätter Stadtpräsidium überrascht: Frank Federer, Geschäftsführer, Familienmensch, Jogger. Lieber als vor dem Fernseher ist er unter Leuten.

Gert Bruderer
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Bücher sind Frank Federer sehr wichtig. Aber mit seinem Wunsch nach Tiefgründigem kontrastiert die Lust auf lockere Geselligkeit. (Bild: Gert Bruderer)

Bücher sind Frank Federer sehr wichtig. Aber mit seinem Wunsch nach Tiefgründigem kontrastiert die Lust auf lockere Geselligkeit. (Bild: Gert Bruderer)

Frank Federers Lachen ist rar wie das Schwarzkehlchen im Riet, jedenfalls im Gespräch mit dem Journalisten. In der Natur hält sich der Firmenchef, dem einst ein Kirchenmann das Talent zum Pfarrer bescheinigt hatte, gern auf. Auf dem Aussichtsturm im Riet hatte der 43-Jährige seine Kandidatur begründet, für ein weiteres Gespräch schlug er die Forstkapelle vor. Hier sagt er – in weissem Hemd, schwarzem Anzug und braunen Schuhen, die Haare vorn neckisch hochgestellt – er möge auch den Sport. Er wandert öfter mit Marlene, seiner Gattin, joggt, fährt Ski, sobald der erste Schnee gefallen ist.

Mathe in Vaters Büro

Warum er denn nicht Pfarrer habe werden wollen, ist die Frage, der ein Lachen folgt. Und Federer, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt: «Ich wollte in die Wirtschaft, weg vom Rheintal, aber mit der klaren Absicht, irgendwann zurückzukehren.» Die Verwandten Federers, das waren Gwerbler, auch ein Banker war darunter. Anders als ihn selbst, klagt Federer im Scherz, hätten stets alle den Vater gekannt: Schiedsrichter Federer. In dessen früherem Büro bei Jacob Rohner sass das älteste von vier Geschwistern ab und zu zwischen Stickereizeichnungen, um Mathe-Hausaufgaben zu erledigen. Viel lieber waren Frank, der seinen Namen Fränk aussprechen lässt, die Sprachen. Aus dem ehemaligen Jungwacht-Mitglied und linken Mittelfeldspieler des FC Rebstein («ich spielte mehr schlecht als recht») wurde ein fleissiger Leser. Deutlich mehr als eine Stunde täglich heftet sich sein Blick an Worte. Pater Pedros Buch über den Alltag der Ärmsten in Madagaskar hat ihn gepackt, Hape Kerkelings Pilgerbericht ebenso. Die Protagonisten – einer Entwicklungshelfer, der andere Komiker – haben Federer interessiert. Aber auch nordische Krimis können ihn am Ende eines durchschnittlichen 12-Stunden-Arbeitstages, einem Znacht im Kreise der Familie und einer Joggingtour mühelos fit halten.

Sich selbst überrascht

Mit seinem Wunsch nach Tiefgründigem kontrastiert die Lust auf lockere Geselligkeit. Lieber als vor dem Fernseher verbringt er Zeit an Festen; jenes der «Lavaria» im Juni fand er super. Früher spielte der Familienmensch zusammen mit der Gattin und den beiden Söhnen Jan (16) und Nico (14) selbst in einer Gugge mit, bei der «Grääzgoascha» in Oberriet, die nicht mehr existiert.

Bekannte beschreiben Federer, der vor 18 Jahren nach Eichberg zog und hier mit der Familie lebt, als liebenswürdigen Brückenbauer. Kaum jemand wäre darauf gekommen, dass er für das Amt des Altstätter Stadtpräsidenten kandidiert. Er selbst genauso wenig. Aber dann, als die Idee gepflanzt war, ging die Saat bald auf. Und Federer versichert: «Habe ich zu einer Sache Ja gesagt, dann will ich sie auch machen.» Punkt. In diesem Augenblick blitzt sogar auf, was Federer nicht zum Vergeuden hat: Charisma. Aber ist er nicht zu sanft, wie manche fürchten? Fehlt es nicht an Durchschlagskraft? Die Antwort: «Wer mich nicht nur als Privatmann kennt, behauptet das ganz sicher nicht.»

Vielleicht ein Heimlifeis

Federer beantwortet alle Fragen mit einer Ernsthaftigkeit, als ginge es darum, eine Humorresistenz zu zelebrieren, die mit einer Immunität gegen Selbstironie gepaart ist. Aber Federer könnte ein Heimlifeis sein. Was ihm zusagt, ist schräger und schwarzer Humor; «Monty Python», die britische Komikergruppe, gefällt ihm. Und er hat noch bei der Frage lachen müssen, was ihn aufregt. «Muss ich das jetzt sagen?» Es ist halb so schlimm: «Zuletzt, als ich auf jemanden zu warten hatte.» Aber generell: Er regt sich schnell auf. Etwa, wenn er nicht verstanden wird. Dann aber «ärgere ich mich über mich», sagt Federer.

Überzeugen, motivieren

Als Schwäche nennt er seine Ungeduld. Er mag nichts auf der langen Bank, will nichts zerreden, sieht sich ungern unter Druck, zu handeln, sondern beugt mit Handeln lieber vor. Er redet seine Schwäche klug in eine Stärke um. Das Wort, das ihn sogleich auf 180 treibt, klingt wie ein Zauberwort zur Lösung von Altstättens Problemen: Firmenansiedlungen. «Da sind wir jetzt bei etwas, das ich nicht verstehe», schlenzt Federer einen Satz wie einen Ball gezielt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und schlüpft in die Rolle des Trainers: «Überzeugungskraft ist nötig.» Mit richtigem Standortmarketing müsste doch auch ein Konzern nach Altstätten zu holen sein! Andererseits sei es sehr wichtig, die schon ansässigen Firmen hier zu behalten, sie zu pflegen wie das ganze Netzwerk. Ja, das Netzwerk habe er, sagt Federer mit dem Selbstbewusstsein von Torres oder Iniesta, zwei Welt- und Europameistern des spanischen Fussballs.

Dabei ist die Stärke Federers noch gar nicht ausgesprochen. Er kann «Menschen motivieren und sie integrieren», darum weiss er, dass er «führungsstark» ist. Ausgeglichen, meint er noch. Und eine Leistung gibt es, die Frank Federer mit Stolz erfüllt, drum nenne er sie gerne: Vor fünf Jahren war es, als er drei Medienagenturen, deren Finanzchef er war, mit ihren insgesamt 120 Mitarbeitenden zusammenführte, rasch und sozialverträglich. Aus dem einstigen Stift der Rebsteiner Gemeindeverwaltung und Absolvent der Fachhochschule St. Gallen (Wirtschaftsstudium) ist der Chef eines regionalen Beratungsunternehmens geworden.

Tief fallen

Wo er sich politisch sieht? Die Antwort kommt wie aus der Kanone geschossen: «Ich bin ein seit jeher liberal denkender Mensch, der ab und zu nach links oder nach rechts schaut.» Und womöglich bald nach ganz weit unten. Denn im letzten Jahr beschloss Frank Federer, zusammen mit Kollegen einen Tandem-Sprung zu wagen.

Bisher ist's dazu noch nicht gekommen, denn ein bisschen mulmig ist ihm schon. Nun aber nutzt er die Gelegenheit des Wahlkampfs. Die Zeit für seinen Sprung ist reif.

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