Der letzte Sockenfabrikant

BALGACH. Nachdem die Jacob Rohner AG die letzten Maschinen nach Südeuropa ausgelagert hat, verbleibt «Tannersocken» als letztes Label, das zu hundert Prozent in der Schweiz produziert wird.

Maya Schmid-Egert
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Bevor der «Balgacher Löwe» eingestickt werden konnte, musste er am Computer gezeichnet werden. (Bild: Maya Schmid-Egert)

Bevor der «Balgacher Löwe» eingestickt werden konnte, musste er am Computer gezeichnet werden. (Bild: Maya Schmid-Egert)

 An das Bonmot seines verstorbenen Vaters Bruno hält sich René Tanner eisern. Dieser pflegte zu sagen: «Lieber am Rhein Wein trinken als unrentable Massenware produzieren. Der Verdienst ist derselbe.» Lieber Qualitätssocken produzieren und mit entsprechendem Preis verkaufen statt Billigware, die sich bei genauerer Betrachtung teurer als angenommen entpuppt. So das Credo der 1975 an der Neudorfstrasse 29 gegründeten Sockenfabrik.

Echtes Schweizer Produkt

«Auch die billigste Ware wird mit der Zeit zu teuer, wenn man's wirklich ehrlich anschaut», so die Überzeugung des Kleinstunternehmers in zweiter Generation. Socken, die nach kurzer Zeit die Form verlieren, abfärben oder durchgescheuert seien, müssten laufend ersetzt werden. «Bei meinen Socken passiert das nicht so schnell, was sich positiv aufs Portemonnaie auswirkt.»

Beim Thema Nachhaltigkeit kommt René Tanner ins Zweifeln: «Nach China geht man nur, weil's möglichst billig sein muss. Ökologie und Arbeiterwürde bleiben aussen vor.» Der Konsument dürfe es sich deshalb nicht zu leicht machen und die Verantwortung einfach auf den Grossverteiler schieben: «Er muss verstehen lernen, was mit einem echten Schweizer Produkt überhaupt gemeint ist und dass dieses seinen Preis hat.»

Mit seiner zwei Jahre alten Errungenschaft, einer vollautomatischen Lonati GL616CT, und einem frisch ins Leben gerufenen Internetauftritt will René Tanner den Markt aufmischen: «Nicht im grossen Stil, klar. Ich weiss, dass mein Platz die Nische ist.» Dennoch müsse auch er, dessen grösster Konkurrent China sei, nach unternehmerischen Prinzipien handeln. Möglich ist das, weil Tanner Designer, Productmanager, Marketing- und Betriebsleiter in einer Person vereint, die Firma also eine schlanke Struktur hat.

Alles nur Menschen

Während er das Handwerk (nach einer Mechanikerlehre) direkt bei der Jacob Rohner AG erlernt hatte, holte er sich das Kaufmännische in der Handelsschule und das Marketing schliesslich lernte er vom Vater: «Dieser schickte mich mit einem Koffer in der Hand zu den Kunden.» Dort, so erzählt er, habe er gelernt, dass der andere «auch nur ein Mensch sei».

Aus seinen langjährigen Kundenbeziehungen holt sich René Tanner mittlerweile Inspiration für Neues: «Ich tüftle gerne an neuen Modellen herum.»

Er unterteilt nach Ausgangs-, Arbeits-, Spezialsocken und Fine Quality. Wer im Internetshop stöbert, findet Socken für Arbeiter, Starkschwitzer, Militärdienstleistende, Diabetiker, Tennisspieler. Normale Socken und ohne auftragende Naht oder auch ganz ohne Gummi. Socken für Kampfstiefel genauso wie für Wickel. Atmungsaktiv, robust, saugfähig, antibakteriell. Das Socken-Vokabular erschliesst eindrücklich, wie vielfältig Kundenbedürfnisse – und hier im Besonderen Füsse – sein können.

Was René Tanner ebenfalls unter «Made in Switzerland» versteht, zeigt er mit seinen neuesten Innovationen: Speziell entwickelte, fusselfreie Socken für Reinräume oder Socken mit individueller Bestickung. Sujets wie den «Balgacher Löwen», das am diesjährigen Weihnachtsmarkt verkaufte Modell, zeichnet er selbst zunächst in ein Computer-Raster, bevor dieses an die Sockenstrickmaschine übermittelt wird und in zwölf Minuten wieder ein neues Paar Qualitäts-Fusswärmer ausspuckt.