«Der Hund kann nichts dafür»

ALTSTÄTTEN. Der Rottweiler, der Ende Jahr im Fleuben eine Spaziergängerin gebissen hat, wird nicht eingeschläfert. Die Verhaltensabklärung ergab, dass der Hund nicht krankhaft aggressiv ist. Der Halter bekommt ihn wegen des Vorfalls aber doch nicht mehr zurück. Das Tier soll umplatziert werden.

Max Tinner
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Auf diesem Strässchen neben der Aach geschah es. Im Haus links wohnt Maria Grossglauser. Der Rottweiler, der sie angriff, kam vom Bauernhof im Hintergrund rechts. (Bild: Max Tinner)

Auf diesem Strässchen neben der Aach geschah es. Im Haus links wohnt Maria Grossglauser. Der Rottweiler, der sie angriff, kam vom Bauernhof im Hintergrund rechts. (Bild: Max Tinner)

Rottweiler Nero empfand den Rhodesian Ridgeback (eine in Südafrika zur Jagd auf Löwen und Grosswild gezüchtete Hunderasse), mit dem Maria Grossglauser am Sonntag vor dem Jahreswechsel entlang der Aach spazieren ging, womöglich als Eindringling. Jedenfalls ging der zu diesem Zeitpunkt freilaufende Hofhund auf die beiden los. Die 65-Jährige stellte sich zwischen den heranpreschenden Rottweiler und den Hund ihres Sohnes. Rottweiler Nero sprang sie an. Maria Grossglauser stürzte, brach sich den Arm. Der Rottweiler biss mehrfach zu.

Der Stadtrat von Altstätten liess den Hund vorerst in einem Tierheim unterbringen. Jetzt hat er entschieden, dass der Hund am Leben bleibt, dass er aber seinem Halter nicht zurückgegeben wird. Stattdessen wird ein neues Plätzchen für ihn gesucht.

Nero ist zur Prüfung angetreten

Bevor der Stadtrat so entschieden hat, hatte er beim kantonalen Veterinärdienst eine Verhaltensabklärung für den Hund beantragt: Nero musste zur Prüfung antreten. In seiner gewohnten Umgebung wurde er mit verschiedenen Alltagssituationen konfrontiert. Dabei haben zwei Fachexperten des Kantons untersucht, wie der Hund auf verschiedene Begegnungen reagiert: wenn jemand von vorn auf ihn zukommt, wenn jemand von hinten kommt, wenn jemand vorbeijoggt oder wenn jemand mit einem Velo oder Trottinett vorbeifährt …

Aber auch weniger gewöhnliche Situationen würden bei einer solchen Abklärung nachgestellt, erklärt Amtstierärztin Gabriela Calzavara. So schaue man etwa, wie ein Hund auf jemanden in einer schwingenden Pelerine reagiere oder auf jemanden, der in seiner Nähe hinfalle, schnell wieder aufstehe und wegrenne. Oder ob der Hund auf den Ball losgehe, wenn jemand fussballspielend an ihm vorbeitänzle – oder gar auf den Fussballer.

Man sucht nicht nur Schlechtes

«Man sucht bei einer solchen Verhaltensabklärung aber keineswegs nur das Negative eines Hundes, sondern achtet auch auf positive Aspekte», betont Gabriela Calzavara. Ein weiterer Aspekt sei der Grundgehorsam des Hundes seinem Halter gegenüber. Beurteilt wird der Hund dabei in Anlehnung an den standardisierten Wesenstest von Niedersachsen, wobei nicht alle darin aufgeführten Testszenarien geprüft werden, sondern nur die im konkreten Fall relevanten. Standardmässig werde die Verhaltensabklärung auch gefilmt.

Was mit dem Hund letztlich geschieht, entscheiden aber weder die prüfenden Fachexperten noch das Veterinäramt, sondern die politische Gemeinde, welcher der Vollzug des kantonalen Hundegesetzes obliegt. Weil Rottweiler Nero bei seiner Prüfung keine krankhafte Aggression zeigte, «begnadigte» ihn der Stadtrat. Heim zu seinem bisherigen Eigentümer darf er aber nicht mehr. «Das geht nach diesem Vorfall nicht», sagt Stadtpräsident Ruedi Mattle. Zu berücksichtigen waren auch besondere Umstände, etwa dass der Hundehalter nur rund hundert Meter von der vom Hund angegriffenen Maria Grossglauser entfernt wohnt. Nero soll nun umplatziert werden, «zu jemandem, der Erfahrung mit Hunden, vorzugsweise sogar mit Rottweilern hat», sagt Ruedi Mattle.

Das ist durchaus im Sinn Maria Grossglausers – selbst wenn ihre Verletzungen noch längst nicht verheilt sind und sie noch einige Zeit auf ihr Hobby, das Armbrustschiessen, wird verzichten müssen. Sie ist zwar froh, dass ihr der Rottweiler nicht mehr begegnen wird. Hätte der Stadtrat aber entschieden, den Hund abzutun, hätte ihr das Tier leid getan: «Der Hund kann ja nichts dafür», sagt sie, «er verhält sich entsprechend seiner Natur und seiner Erziehung.» Sie ist aber auch überzeugt, dass nicht sie allein froh über den Entscheid des Stadtrats ist. Das Strässchen der Aach entlang sei ein beliebter Spazier- und Veloweg. Sie wisse von einigen Leuten, die sich zuletzt aus Angst vor dem Rottweiler nicht mehr hier entlang getraut hätten.

Entscheid noch anfechtbar

Definitiv ist der Entscheid des Stadtrats allerdings noch nicht. Er kann noch beim kantonalen Departement des Inneren angefochten werden. Der Hundehalter wollte sich gestern in der Sache nicht äussern.

Der Rottweiler vom Fleuben war nicht so freundlich wie dieser hier: Statt nur an der Hand zu schnuppern, hat er kräftig in den Arm gebissen. (Symbolbild: Susann Basler)

Der Rottweiler vom Fleuben war nicht so freundlich wie dieser hier: Statt nur an der Hand zu schnuppern, hat er kräftig in den Arm gebissen. (Symbolbild: Susann Basler)

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