Oberriet
Haus zur Burg in Oberriet: Der günstiger gelegene Amtssitz

Die spannende Entstehungsgeschichte der historisch bedeutenden Liegenschaft zur Burg an der Adlerstrasse.

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Eine ältere, undatierte Aufnahme des Hauses zur Burg in Oberriet.

Eine ältere, undatierte Aufnahme des Hauses zur Burg in Oberriet.

Bild: Staatsarchiv St.Gallen/W 276/03.10-03

Vor gut fünfeinhalb Jahren hat die politische Gemeinde die Liegenschaft «zur Burg» an der Adlerstrasse gekauft. Im Herbst wird der Gemeinderat den Stimmbürge­rinnen und Stimmbürgern an einer ausserordentlichen Bürgerversammlung ein Projekt für eine Renovation und Aufwertung dieses Baudenkmals von kantonaler Bedeutung vorlegen, das nicht zuletzt zum Ziel hat, das altehrwürdige Gebäude der Nachwelt zu erhalten. Ein Blick zurück in die Geschichte der Gemeinde Oberriet und der weiteren Region zeigt, wie es zum Bau der stattlichen Liegenschaft gekommen sein dürfte…

Historische Bauten haben oft eher schlechte Karten. Das hat in unserer Region verschiedene Gründe: Im Gegensatz zu den Dorfschaften am Hangfuss des Rheintals, von Altstätten bis Thal, mit ihren gewinnbringenden Rebbergen, waren die Dörfer am Rhein vom Hochwasser bedroht. Somit herrschte oft bittere Armut. Dazu kam die Feudalherrschaft, erst von Adelsgeschlechtern und Klöstern; sodann wurde unser Gebiet ab 1490 eidgenössisches Untertanengebiet.

Verkehr und Handel brachten Wohlstand

Diese Ordnung fand erst mit der Gründung des Kantons St.Gallen 1803 ein Ende. Immerhin brachten Handel und Verkehr eine Verbesserung und schliesslich die in mehreren Stufen erfolgte Industrialisierung ab dem 19.Jahrhundert.

Entsprechend änderte sich der Status der heutigen Gemeinde Oberriet. Die Historie berichtet über den freien Reichshof Kriessern, mit seinen Auenwäldern als herrschaftlichem Jagdgrund. In Sachen Baugeschichte hat sich diesbezüglich nichts erhalten, weder die Kunde vom Amtssitz des Verwalters noch von einer Unterkunft für königliche Jagdgesellschaften. In vorro­manischer Zeit entstand dann in Montlingen die Pfarrkirche St.Johann Baptist, die die Bevölkerung von der Pflicht befreite, die Gottesdienste im jenseits des Rheins gelegenen Rankweil besuchen zu müssen. Der erste bekannte Verwaltungssitz für den Abt von St.Gallen und seine Ministerialen entstand um 1270 auf Blatten. Ein alter Plan bezeugt übrigens einen Rebberg in der Umgebung des Schlosses sowie eine in den Franzosenkriegen untergegangene Fridolinskapelle. Von der Burg aus konnte der Fährenübergang nach Meiningen-Feldkirch kontrolliert werden, womit natürlich eine Einnahmequelle für die Herrschaft gegeben war. Nicht zu unterschätzen aber war die Beherbergung von Händlern und Reisenden. So entstanden entlang der bandförmigen Siedlung Oberriet-Eichenwies einige Gasthäuser, die in ihren Susten Unterkunft für Transportgüter und Tiere anboten. Während der Feudalzeit bestand unter der Oberaufsicht der Vögte eine Eigenverwaltung durch Ammänner und Richter, die sich etwas stattlichere Häuser leisten konnten, die durchaus auch als Gasthäuser dienten.

Gebaut im Jahr 1539 in einer politisch bewegten Zeit

War der äbtische Vogt schliesslich nicht besser beraten, seinen Amtssitz von der etwas abgelegenen Burg Blatten zu versetzen? Und zwar an einen günstigeren Ort, wo sich Handel und Verkehr und somit Lokalpolitik abspielten, eben in die «Burg»? Diese liegt ja in unmittelbarer Nähe des Gasthauses Adler und nicht allzu weit von der ehemaligen Wolfgangskapelle (welche 1809 durch die Oberrieter Pfarrkirche ersetzt wurde).

Welches könnte der unmittelbare Grund für diese Verlegung gewesen sein? Bis 1539, dem erwiesenen Baujahr der «Burg», herrschte eine politisch äusserst bewegte Zeit: Neustrukturierung der Abtei St.Gallen durch Abt Ulrich Rösch, Rorschacher Klosterbruch durch aufständische Appenzeller und St.Galler, die aber von den Eidgenossen in die Schranken gewiesen wurden, worauf 1490 die eidgenössische Landvogtei Rheintal eingerichtet wurde… Kaum waren der sogenannte Schwabenkrieg und die entscheidende Niederlage eidgenössischer Söldner in Marignano vorbei, richtete die Reformation grosse Verwirrung an und führte zu den beiden Kappeler Bruderkriegen, die mit dem Sieg der katholischen Orte und dem Landfrieden von 1530 endete.

Gebaut in einer für die Region ungewöhnlichen Weise

Die Herrschaft des St.Galler Abtes Diethelm Blarer von Wartensee (im Amt von 1530 bis 1564) wurde damit gefestigt, und somit war der Grund für die Erstellung der «Burg» gegeben. Leider haben sich die damit verbundenen übrigen Bauten nicht erhalten, weder der alte «Adler» noch seine grosse Sust, noch die über der Strasse gelegene Schmiede.

Zu den hervorstechendsten Merkmalen der «Burg» gehört das gewaltige Krüppelwalmdach, das sich von den im Rheintal üblichen Dachformen unterscheidet. Sonst kommt diese Form in der katholisch gebliebenen Innerschweiz vor – die eben Rheintaler Landvögte stellte. Über Krüppelwalmdächer verfügen ausserdem die Schlösser Sargans und Werdenberg, beides Sitz eidgenössischer Landvögte.

Burg trägt die Handschrift Abt Diethelm Blarers

Nicht zu übersehen ist aber der Einfluss des tüchtigen St.Galler Abtes Diethelm Blarer von Wartensee, der die Geschicke des Klosters St.Gallen und seiner Herrschaftsgebiete zwischen 1530 und 1560 leitete und von dem angenommen werden darf, dass er die «Burg» im katholisch gebliebenen Oberriet erstellen liess. Seine Tätigkeit nahm er im Hof zu Wil auf, der ebenfalls besagte Dachform aufweist. Der Raum im Erdgeschoss der «Burg», der überlieferungsgemäss als «Kapelle» bezeichnet worden ist, könnte diese Funktion durchaus ausgeübt haben, weil regelmässig ein äbtischer Priestermönch als Visitator in der Burg übernachtet haben wird und froh gewesen sein dürfte, wenn er gleich im Haus die tägliche Messe zelebrieren konnte. (gk/red)

Hinweis

Die ausserordentliche Bürgerversammlung zum Projekt Liegenschaft Burg ist für den 17. September vorgesehen. Vorgängig wird der Gemeinderat zu Informationsabenden einladen.

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