Der gefrorene Rhein und die Not

Im Staatsarchiv St. Gallen wurden alte, bisher nicht veröffentlichte Bilder zum Thema Rheinregulierung digitalisiert. Das haben «Der Rheintaler» und die «Rheintalische Volkszeitung» zum Anlass genommen, historische Ereignisse aufzugreifen – entstanden ist die Serie «Rhein von einst».

Ukurt Latzer
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Dramatisch, spannend und humorvoll: Geschichten von kleinen und grossen Ereignissen am Alpenrhein gäbe es Hunderte zu erzählen. Einige dieser Geschichten, vor allem solche, die mit der Rheinregulierung zu tun haben, wurden fotografisch dokumentiert. In Büchern, Zeitungen und Zeitschriften wurden diese Bilder abgedruckt, in jüngerer Zeit im Fernsehen oder Internet publiziert. Die meisten in dieser Serie gezeigten Fotos waren der Öffentlichkeit aber noch nicht zugänglich.

Anfang 1929 hatte ein eisiger Winter ganz Mittel- und Osteuropa fest im Griff. Im St. Galler Rheintal sind die Temperaturen über längere Zeit hinweg auf minus 17, minus 25 und an einzelnen Tagen sogar auf minus 30 Grad gesunken. Der lang anhaltende Frost bescherte der Rheintaler Bevölkerung mit dem zugefrorenen Rhein nicht nur ein besonderes Naturschauspiel, sondern auch grosse Not.

Der Rhein, eine starre Masse

Am Freitag, 16. Februar 1929, war in der «Rheintalischen Volkszeitung» zu lesen: «Rheinfrörni – Am Mittwoch gefror der Rhein bei der Mündung, was eine Stauung von zwei Metern verursachte. Am Donnerstagabend erreichte die Rheinfrörni Diepoldsau.» Im Amtsbericht 1929 des Kantons St. Gallen wird das Eis unter dem Kapitel «Wasserstände im Rhein» erwähnt: «In diesem Zusammenhang mag auch noch auf die merkwürdige Rheingfrörni im Anfange des Jahres hingewiesen werden.» Der Rhein habe im Oberlauf massenhaft sulziges Grundeis geführt. «Dies führte zum Aufstauen des Eises im Mündungsbereich. Dieser Stau reichte immer mehr flussaufwärts, Eisschollen, die bald zu einer starren Masse zusammen froren», hiess es im Amtsbericht. Innert weniger Tage sei der Rhein von der Mündung bis gegen die Mitte des Diepoldsauer Durchstichs hinauf mit einer dicken, äusserst unregelmässigen Eiskruste bedeckt gewesen. Die von der Rheinbauleitung vorbereiteten Sprengungen des Eises wurden schliesslich nicht nötig.

Wenig Heizmaterial und Arbeit

Die Kälte brachte nicht nur das Eis an den Rhein, sondern auch die Not. Am 16. Februar 1929 war im «Rheintaler» zu lesen: «Montlingen.- Eine schwere Zeit lastet gegenwärtig auf unserem Völklein. Nicht weniger als 150 männliche Arbeitslose zählt gegenwärtig unser Dorf.

Die bald zwei Monate andauernde Kälte hat die Eröffnung der Rheinbauarbeiten bis heute noch nicht gestattet»; «Altstätten.- Die grimmige Kälte verursacht, wie überall, so auch in unserem Städtchen, zahlreiche Schäden durch Einfrieren der Wasserleitungen, Brunnen, Waschherde etc. Es werden auch Röhrenbrüche in Privat-Wasserleitungen gemeldet. Die Wohnungen werden so stark verkältet, dass unheimliche Mengen Heizmaterial aufgewendet werden müssen, um die Temperatur auch nur einigermassen auf einer erträglichen Temperatur zu halten. Wohl denen, die in der glücklichen Lage sind, dies Mengen Heizmaterial aufzubringen, es sind das leider nicht alle.»

Vorarlberger Gemeinden klagten wegen der Kälte sogar über Löschwasser-Mangel. In der Presse des Nachbarlandes war unter anderem zu lesen: «Der Landwirt kann auch mit Jauche löschen helfen oder ein paar Kübeln Most.»

Kälte und Seuchen

Als wäre die Rheintaler Bevölkerung durch den Winter und die vielen arbeitslosen «Rheinarbeiter» nicht schon hart genug gestraft gewesen, brach zu der Zeit die Maul- und Klauenseuche aus. Viele Gross- und Kleintiere mussten notgeschlachtet und deren Fleisch vernichtet werden. Um Landwirte vor noch mehr Schaden zu bewahren, wurden Schutzimpfungen durchgeführt.