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«Der Faden nach oben»

Aus christlicher Sicht
Armin Scheuter
Die Spinne hat ihr Netz gebaut und fette Beute gemacht. (Bild: Monika von der Linden)

Die Spinne hat ihr Netz gebaut und fette Beute gemacht. (Bild: Monika von der Linden)

Es gibt Situationen, in denen alles über unsere Kräfte zu gehen scheint. Das ganze Leben schont uns nicht. Leider können wir oft erst in den Tiefpunkten unseres Lebens erkennen, ob uns wirklich etwas trägt und hält – und ob nicht das Seil, das uns stets sichert, nicht schon fast durchgescheuert ist.

Die folgende Geschichte bringt diese Frage in einem Gleichnis zum Ausdruck: Eines schönen Morgens glitt vom hohen Baum am festen Faden die Spinne herab. Unten im Gebüsch baute sie ihr Netz, dass sie im Laufe des Tages immer grossartiger entwickelte und mit dem sie reiche Beute fing. Als es Abend geworden war, lief sie ihr Netz noch einmal ab, um es auszubessern. Da entdeckte sie einen Faden, der ihr schönes Netz störte, weil er nicht in das Muster hineinpasste. Ausserdem schien er vollkommen sinnlos zu sein – keine einzige Fliege hatte sich daran gefangen. Da sie schlecht gelaunt war und auch nicht mehr wusste, wozu er diente, biss sie ihn kurzerhand ab. Sofort fiel das Netz mit ihr in die Tiefe, wickelte sich um sie wie ein nasser Lappen und erstickte sie; denn es war der Faden, an dem sie herabgestiegen war und der das Netz über dem Boden hielt.

Glücklicherweise hängt unser Beziehungsnetz nicht nur von einem Faden ab – sollte also einer reissen oder von uns gekappt werden, stürzen wir nicht sogleich ganz ab, jedoch merken wir durchaus, dass wir massiv aus dem Lebensgleichgewicht geraten.

Mir scheint, dass viele in unserer Gesellschaft «den Faden nach oben», die Beziehung zur ihrer Religion schon zerschnitten haben. Oder zumindest so wenig pflegen, dass dieses Band nur noch ein hauchdünnes Fädlein ist, das bei der geringsten Sturmböe bereits zu reissen droht.

Wenn ich mein eigenes Leben betrachte, sehe ich, wie wichtig mein christlicher Glaube dabei war, schwere und leidvolle Ereignisse zu meistern. Gerade mit Jesus glaube ich an einen Gott, der das Leid kennt, weil er selbst durch es hindurch ging, und ich glaube mit ihm an einen Gott, der auf der Seite der Schwachen steht. Mit Jesus und seiner Botschaft gelingt mir immer wieder ein Perspektivenwechsel, der mich mein Leben neu verstehen lässt. Und eine gute Erfahrung dabei ist, je tiefer ich in seine Botschaft eindringe, desto stärker wird dieser belastbare Faden nach oben. Manchmal jedoch schweigt Jesus. Nicht, weil er nicht mit mir reden will oder mir nichts zu sagen hätte. Nein, er schweigt, weil er wartet, bis ich wieder zuhören kann. Manchmal schweigt er so lange, bis ich aufhöre, mich auf meinem Spinnennetz um mich selbst zu drehen.

Armin Scheuter

Pfarreibeauftragter in Kobelwald

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