Der Apfel fällt meist weit vom Stamm

Ein Besucher aus dem Dorf brachte einen Zweig, mit der Bitte um Auskunft, worum es sich bei ihm handle. Er sah etwa so aus wie der zu einem Ring geformte Zweig, den uns Nonnen in der zweiten Klasse als Dornenkrone Christi «verkaufen» wollten, nebst Eisennägeln mit roter Farbe vom heiligen Kreuz.

Urs Stieger
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Ein Besucher aus dem Dorf brachte einen Zweig, mit der Bitte um Auskunft, worum es sich bei ihm handle. Er sah etwa so aus wie der zu einem Ring geformte Zweig, den uns Nonnen in der zweiten Klasse als Dornenkrone Christi «verkaufen» wollten, nebst Eisennägeln mit roter Farbe vom heiligen Kreuz.

Tatsächlich hatte der Zweig fast 5 cm lange Dornen. Wie Schlehdorn. Die haben aber kleinere Blätter. Andere Bäume und Sträucher mit Dornen im Garten sahen ganz anders aus. Der Zweig stammte von einem Apfel, einem Wildling.

Unser Kernobst wird gezogen auf veredelten Bäumen, die eine ganz spezielle Unterlage haben. Das heisst, der Stamm und die Wurzeln sind fast nie aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Krone. Diese Unterlagen heissen dann M9 oder M24 und wachsen weniger schnell oder besser oder schneller als die Sorte, die aufgepfropft wurde.

Was in den vergangenen Jahrhunderten mit dem Apfel gezüchtet wurde, ist höchst erstaunlich. Der Ur-Apfel ist Malus sylvestris, der Holzapfel. Vielleicht gibt es ihn gar nicht mehr in reiner Form. Seine Früchte sind klein, 2 – 3 cm dick und hart, eben wie Holz. Gekocht sind sie aber essbar. Er macht manchmal anstatt Kurztriebe lange Dornen, die sehr unangenehm stechen können. Auch wurde der Holzapfel bei der Zucht von Zieräpfeln verwendet. Die vielen alten und neuen Züchtungen essbarer Äpfel sind eine Erfolgsgeschichte der Pflanzenzucht. Alte Sorten sind manchmal sehr lokal verbreitet. Der beliebte Apfel Wildmuser aus Grabs als Beispiel ist eine bekannte Sorte. Wider Erwarten sind viele der alten Sorten aber anfällig auf Pilzkrankheiten und eignen sich nicht so gut für den Privatgärtner, der nicht spritzen will. Wie bei den Rosen hat in der Apfelzucht ein Umdenken stattgefunden. So gibt es auf dem Markt inzwischen viele Sorten, die nicht gespritzt werden müssen und auch beim Schnitt nicht so anspruchsvoll sind. Im Erwerbsbetrieb wird der Apfel in manchmal riesigen Plantagen produziert, dass man sich in einer Bananenplantage wähnt. Im Südtirol auf Velotour kann man einen ganzen Tag fahren, ohne aus den Äpfeln raus zu kommen, stinkende Herbiziddusche inklusive.

Der «Zitröneler» auf unserem Grundstück ist ein alter Baum mit etwa 50 cm Durchmesser am Stamm. Hallimaschpilze plagen ihn, ein Ast wurde einmal unfachmännisch abgeschnitten, eine Schönheit ist er nicht. Jährlich bringt er aber noch 200 bis 600 kg Äpfel. Auch die sind nicht schön, für Süssmost aber begehrt, Apfelmus gibt es in rauhen Mengen. Aus den liegen gebliebenen Äpfeln fressen Amseln und andere Vögel «Apfelmus», Biene und andere Insekten besuchen ihn, ein Eichhörnchen etc.

Ja, schön ist er nicht. Aber Nutzen definiert sich nicht durch Schönheit!

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