Den Titel sieht man ihr nicht an

DIEPOLDSAU/ALTSTÄTTEN. Der Betrunkene, der einst auf Heidi Nicoletti losging, war danach wohl baff. Er blieb verletzt zurück. Eine Weltmeisterin hatte ihm treffsicher zwei Schläge versetzt. Sie meint, jeder sollte dazu in der Lage sein.

Gert Bruderer
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Heidi Nicoletti sah sich auch schon ausserhalb des Kampfsport-Trainings gezwungen, sich zu wehren. (Bild: Gert Bruderer)

Heidi Nicoletti sah sich auch schon ausserhalb des Kampfsport-Trainings gezwungen, sich zu wehren. (Bild: Gert Bruderer)

In Altstätten beginnt übermorgen ein Selbstverteidigungskurs für Mädchen im Alter von 12 bis 16 Jahren. Heidi Nicoletti leitet ihn. Sie sagt: «Jeder sollte die eigene Kraft kennenlernen.» Der Anspruch, sich verteidigen zu können, war ihr schon in jungen Jahren selbstverständlich. Sie fand immer schade, dass oft erst ein schlimmer Vorfall, ausgebreitet in den Medien, das Interesse weckt. Umso mehr freut es sie, dass der unmittelbar bevorstehende Kurs ausgebucht ist.

Schwarzgurt, dritter Dan

Die ehemalige Spitzensportlerin, die aus Bregenz stammt, lebt seit viereinhalb Jahren in Diepoldsau und war zuvor 22 Jahre in Balgach daheim. Ihr früherer Mann betrieb eine Karateschule in Widnau, sie selbst brachte es weit, hat im Karate den Schwarzgurt, dritter Dan, und gewann vor 28 Jahren, 29-jährig, in der technischen Disziplin (Kata) den Weltmeistertitel. Sie kämpfte als Kickboxerin, schreckte vor Vollkontakt nicht zurück.

Frau Nicoletti, war das nicht sehr hart?

(Sie schmunzelt.) Doch.

Haben Sie auch ausserhalb der Sporthalle schon zugeschlagen?

Ja, in München. Ein Betrunkener ging im Hotel auf mich los. Ich war voll motiviert und packte ihn. Wir stürzten beide die Treppe hinunter, ich konnte mich losreissen und mich mit zwei Schlägen erfolgreich wehren.

Früh kein Spitzensport mehr

Vom aktiven Sport musste Heidi Nicoletti sich aus gesundheitlichen Gründen schon früh verabschieden. «Ich wollte weiterhin etwas Sinnvolles machen und weitergeben», sagt sie. Also leitet sie nicht nur dienstags ein Muskeltraining ohne Geräte. Sie fing auch an, Mädchen in Selbstverteidigung zu unterrichten. Schon mit einfachen Techniken, sagt sie, sei viel möglich. Umso mehr, als Frauen körperlich und von der Kraft her unterlegen seien, findet Heidi Nicoletti wichtig, dass sie sich zu wehren wissen. Das beginnt nicht in den Fäusten. Es beginnt im Kopf. Besonders gern gibt Heidi Nicoletti Kindern Selbstbehauptungskurse. In Rollenspielen sind die Kinder Opfer, Täter, Zeuge. Es geht um Achtsamkeit, Bewusstseinsschärfung. Richtiges Verhalten ist das Ziel.

Es geht auch um die Eltern

Spricht Heidi Nicoletti, die gelernte Schneiderin, von Kindern, geht es immer auch um deren Eltern. Etwa darum, dass auch Eltern ihren Kindern einen Zettel hinterlassen sollen, wenn sie mal das Haus verlassen. Oder um die wichtige Bereitschaft, Kinder ernst zu nehmen. Heidi Nicoletti hat zwei Töchter und einen 34-jährigen Sohn. Der habe einst, als Kind, in einem Restaurant einen zur Fahndung ausgeschriebenen Mann wiedererkannt, den er in der Fernsehsendung «Aktenzeichen XY» gesehen hatte. Die Oma aber mochte ihm nicht glauben. Zwei Tage danach wurde der Mann trotzdem verhaftet.

Erstaunte Mädchen

Arbeitet Heidi Nicoletti mit Kindern, können es Buben und Mädchen gemeinsam sein. Gibt sie Jugendlichen einen Kurs, sind stets nur Mädchen in der Gruppe. Heidi Nicoletti sagt: «Damit der Nutzen für die Mädchen möglichst gross ist, müssen sie aus sich herausgehen. Nur wenn sie unter sich sind, klappt das wirklich.» Sogar Mädchen mit feinem Körperbau entwickeln manchmal solche Kräfte, dass sie selbst erstaunt sind. «Sollte man tatsächlich angegriffen werden, bleibt zum Überlegen keine Zeit», sagt Heidi Nicoletti.

Würden Sie jeden Angreifer bezwingen, Frau Nicoletti?

Nein, das nicht. Darum ist der Überraschungseffekt sehr wichtig. Mein grosser Vorteil lautet so: Wirkungsvolle Gegenwehr erwartet von mir niemand, der mich nicht kennt.

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