Dem Pflegevater ausgeliefert

ALTSTÄTTEN. Ein 46-Jähriger stand vor dem Kreisgericht Rheintal, weil er drei Jahre lang ein Mädchen sexuell missbrauchte. Verdacht schöpften weder die Mutter noch die beteiligten Institutionen. Die Geschichte eines Opfers, dessen Umfeld kläglich versagte.

Seraina Hess
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Der Angeklagte war Bezugsperson und Peiniger zugleich – deshalb hielt das Mädchen zu ihm. (Symbolbild: depositphotos)

Der Angeklagte war Bezugsperson und Peiniger zugleich – deshalb hielt das Mädchen zu ihm. (Symbolbild: depositphotos)

Herr Huber* beantwortete die Fragen, die ihm der vorsitzende Richter stellt, in den letzten Monaten schon etliche Male: erstmals nach seiner Selbstanzeige auf dem Polizeiposten Buriet, später während Gesprächen mit dem Psychologen. Und doch stockt seine Stimme immer wieder, als er die Geschichte erzählt, die im Januar 2010 ihren Lauf nahm.

Damals lernte Herr Huber übers Internet eine Frau aus dem unteren Rheintal kennen. Kurze Zeit später wurden die beiden ein Paar, und schon im Frühling zog er vom Kanton Graubünden in die Wohnung seiner neuen Freundin, in der auch ihre beiden Töchter lebten, 10- und 16-jährig. Herr Huber kümmerte sich von Beginn weg intensiv um Julia*, die jüngere der beiden, während sich die Mutter häufig am Computer in Chatrooms aufhielt. Der IV-Rentner verbrachte immer mehr Zeit mit dem Mädchen, nahm es zu Ausflügen mit, übernachtete sogar in dessen Zimmer. Als sich die Mutter im Sommer in einer psychiatrischen Klinik befand, wurde aus seiner Fürsorge eine Straftat: Huber verging sich zum ersten Mal an Julia.

Vor Gericht erinnert er sich zwar gut an die Anfangszeit mit der Familie, an Gespräche am Mittagstisch und Differenzen mit der älteren Schwester. Weshalb er damals begann, in Julia mehr zu sehen als die Tochter seiner Partnerin, kann er jedoch nicht beantworten. Tatsache ist, dass Huber die sexuellen Handlungen von jenem Zeitpunkt an wöchentlich, teilweise öfter wiederholte.

«Zu nichts gezwungen»

Wie in der Anklageschrift zu lesen ist, habe die ältere Schwester schon damals gespürt, dass irgendetwas nicht stimmte – zumal sie der Staatsanwaltschaft angab, Herr Huber habe versucht, ihr enges Verhältnis zur kleinen Schwester zu sabotieren, was ihm schliesslich gelungen sei.

Im Herbst 2011 trennte sich Huber von seiner Freundin und zog in eine Wohnung in der gleichen Gemeinde, das Verhältnis zur Mutter und zu Julia blieb freundschaftlich. Das Mädchen hielt sich vor allem an den Wochenenden bei ihm auf, denn Huber war inzwischen zu ihrer engsten und einzigen Bezugsperson geworden. Weil sich die Mutter nach wie vor nicht ausreichend um ihre Jüngste kümmerte, und auch der von der Mutter getrennt lebende Vater nicht bereit war, das Kind bei sich aufzunehmen, verfügte die damalige Vormundschaftsbehörde der Wohngemeinde über eine Fremdplatzierung des Mädchens. «Julia hat in dieser Zeit immerzu gedrängt, bei mir wohnen zu dürfen», sagt Herr Huber vor dem Kreisgericht. Auch die von der Vormundschaftsbehörde beauftragte Kooperative Soziale Arbeit (Koosa) nahm Kenntnis von diesem Wunsch, als sie für die Ermittlung einer geeigneten Platzierungsform mit Angehörigen und Beteiligten sprach. Im daraus entstandenen Sozialbericht sind mehr als 20 Gespräche aufgezeichnet: telefonische und persönliche, mit der Mutter, Herrn Huber, Julia. Auch mit dem Lehrer des Mädchens, dem Schulsozialarbeiter, dem Schulleiter, dem Beistand. Selbst einen Tagesabschnitt der Familie begleitete die beauftragte Mitarbeiterin. Sie analysierte die Erziehung, die Beziehung zu den Eltern, das Verhalten in der Schule. Dass Herr Huber Julia schon seit mehr als zwei Jahren sexuell missbrauchte, kam nicht ans Licht. Die Koosa bevorzugte in ihrem Bericht zwei Optionen: eine Unterbringung von Julia bei einer Pflegefamilie oder aber bei Herrn Huber als Pflegevater, der regelmässig gecoacht und durch den Beistand des Mädchens begleitet werden sollte.

Die Vormundschaftsbehörde entschloss sich für Herrn Huber. Im Dezember 2012 unterzeichnete er den Vertrag. Julia lebte fortan bei ihm.

Vor Gericht gesteht Herr Huber, mit Julia vereinbart zu haben, das «kleine Geheimnis» für sich zu behalten. Angst, dass sie seine Taten verraten würde, hatte er nicht, so sehr manipulierte er das Mädchen. Und doch plagte ihn das schlechte Gewissen, als Julia bei ihm lebte und er diese Situation zu seinen Vorteilen ausnutzte. Er litt unter Verfolgungswahn, sah sich im Fernsehen Sendungen zur Kriminalitäts-Prävention an – und stellte sich schliesslich im November 2013 der Polizei, worauf er zwei Monate in Untersuchungshaft sass. Huber war weitgehend geständig und ist sich auch vor Gericht seiner Schuld bewusst. Er sieht ein, weshalb ihn der Staatsanwalt wegen mehrfacher sexueller Handlung mit Kindern anklagt – nicht aber, weshalb er ihn der sexuellen Nötigung bezichtigt und deshalb eine Freiheitsstrafe von drei Jahren fordert. Davon seien 16 Monate zu vollziehen.

Als Herr Huber mehrmals verneint, das Mädchen zu etwas gezwungen zu haben, das es nicht wollte, fragt der vorsitzende Richter den Angeklagten fast rhetorisch, ob er denn davon ausgehe, ein 10-jähriges Mädchen käme von sich aus auf die Idee, sexuelle Handlungen an einem Mann vorzunehmen. «Ein gewisses Interesse war schon da. Sie wollte halt erste Erfahrungen sammeln», antwortet Huber.

Dieses Argument verwendet auch der Verteidiger, der das Verhältnis zwischen Herrn Huber und Julia als «erotisch-pädagogische Liebesbeziehung» bezeichnet und anschliessend ein Dutzend Briefe vorlegt, in denen Julia mit Zeichnungen und netten Worten ihrem Peiniger schmeichelt. Der Verteidiger beantragt den Freispruch vom Vorwurf der sexuellen Nötigung sowie eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten unter einer Probezeit von zwei Jahren.

Zehn Monate Haft

Das Gericht ist sich jedoch einig, dass die Taten nicht in gegenseitigem Einvernehmen hätten stattfinden können, und spricht Herrn Huber sowohl der mehrfachen sexuellen Handlung mit einem Kind als auch der mehrfachen sexuellen Nötigung schuldig, wobei das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. Herr Huber wird zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten verurteilt; von dieser sind zwölf Monate zu vollziehen, die Untersuchungshaft wird angerechnet. Für die restlichen 24 Monate wird der Vollzug bei einer Probezeit von vier Jahren aufgeschoben. Ausserdem wird er sich nach der Entlassung weiterhin in psychologische Behandlung begeben müssen. Dem Opfer hat Huber eine Genugtuung von 10 000 Franken zu bezahlen. Auch die Verfahrenskosten von über 36 000 Franken, die Kosten seiner amtlichen Verteidigung und der Rechtsvertretung der Privatklägerin muss Huber übernehmen, sobald es ihm finanziell besser geht.

Fall hinterlässt Spuren

Trotz des Urteils im Sinne der Staatsanwaltschaft bleibt ein fader Nachgeschmack – zumal in drei Jahren mindestens die Mutter, aber auch andere Angehörige oder Bekannte Hinweise hätten erkennen können.

Rolf Straub, Geschäftsleiter der Sozialen Arbeit der Koosa, sagt: «Pädophile sind geschickt darin, ihre Taten nach aussen geheim zu halten. Es ist schwierig, solche Machtmissbräuche zu erkennen, wenn nichts darauf hindeutet. Auch für Fachpersonen.» Die Ereignisse machen Straub betroffen; immerhin war es die Koosa, die nach dreimonatiger Prüfung die Unterbringung von Julia bei Herrn Huber als Option sah.

Der damalige Sekretär der Vormundschaftsbehörde, die der Empfehlung der Koosa nachkam, erinnert sich noch gut an den Fall: «Herr Huber war Julias Ersatzvater, zu dem sie ein enges Verhältnis pflegte. Ein Kind sollte man nicht aus dem gewohnten Umfeld herausreissen und bei einer Pflegefamilie platzieren, wenn es eine andere Lösung gibt.» Dass die Unterbringung bei Herrn Huber für die Gemeinde kostengünstiger war als jene bei einer Pflegefamilie, habe die Entscheidung der Vormundschaftsbehörde nicht beeinflusst. Auch der Beistand, der Julia und ihren Pflegevater auf Empfehlung der Koosa regelmässig besuchte, sagt: «Herr Huber war ein sehr umgänglicher Mensch und erfüllte alle Kriterien eines Pflegevaters.»

Weder die Koosa, die Behörde noch der Beistand erkennen in ihrer Arbeit einen Fehler. Und doch hat der Fall bei ihnen Spuren hinterlassen. Rolf Straub will ihn mit seinen Mitarbeitern besprechen und erörtern, wie sich noch genauer arbeiten liesse, als es die Koosa ohnehin schon tue. Der Beistand sagt, er müsse sich nach Bekanntwerden solcher Ereignisse stets zügeln und nicht dort verdächtigen, wo es nichts zu verdächtigen gebe. Und der ehemalige Vormundschafts-Sekretär sieht seine Lehre, die er aus der jahrelangen Mitarbeit in der Behörde zog, einmal mehr bestätigt: «Ich habe die Geschichte nicht zu nahe an mich herangelassen – das hätte nur meine Arbeit behindert. Und schliesslich wollten wir solche Fälle in Zukunft verhindern.»

*Namen geändert