Das Sträusschen vom Wegrand

Nachdem ich wegen meiner Kolumne letzte Woche den Sympathiebonus bei der Katzen-Lobby definitiv verloren habe, wende ich mich wieder der Blüemli-Fraktion zu und hoffe auf gnädige Aufnahme.

Urs Stieger Berneck, Www.u-Stieger.com
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Duftveilchen – ein feiner Frühlingsgeruch. (Bild: Urs Stieger)

Duftveilchen – ein feiner Frühlingsgeruch. (Bild: Urs Stieger)

Nachdem ich wegen meiner Kolumne letzte Woche den Sympathiebonus bei der Katzen-Lobby definitiv verloren habe, wende ich mich wieder der Blüemli-Fraktion zu und hoffe auf gnädige Aufnahme.

Als ich im Garten stehend vor ein paar Tagen ein Kind von Weitem laut singen hörte, wurde es mir schon frühlingshaft warm ums Herz. Frühlingssingen!

Als dieses Kind dann fürs Grosi ein Sträusschen Blüemli brachte, nachdem es immerhin 700 Treppenstufen des Chindiweges heraufgeklettert war – mit seinen kurzen Beinen, singend – verstand ich, was Frühlingsgefühle sind. Und diese naive Freude an Blüemli.

Dass ein Sträusschen Allerweltsblüemli vom Wegrand einen Wert hat, ist vielleicht heute nicht mehr so verbreitet, aber in fast allen Kulturen bekannt. Dichter und Sänger des Barocks haben diese Wertigkeit manchmal perfekt in Worte gefasst: «Floras perlendes Geschmeide» ist kein Plastikklunker aus dem Modeshop. Mein BFF (Best Friend Forever, um beim Zeitgeist zu bleiben) aus dieser Zeit, Carl Michael Bellman, hat vor Jahrhunderten Dutzende Lieder über die Natur in einer Sprache geschrieben, die jetzt noch fasziniert und zeigt, was für einen grossen Stellenwert Blumen für Menschen dieser Zeit hatten. Sträusse suchen, als Jugendlicher noch, Sträusse mit dunkler Akelei vom Riet zum Muttertag für die Mutter von elf Kindern, da brauchte es keine Vasen, da mussten Kübel her, zum Beispiel, was für Erinnerungen! Sträusse, schon im alten Griechenland und in der Kaiserzeit Chinas. Zur Hochzeit, zur Beerdigung. Zum ersten Rendez-vous.

Symbolik tragen sie, wo Worte fehlen. Ein verstorbener Fabrikant, («durch und durch Geschäftsmann, da haben Gefühle keinen Platz») hat mir einmal erzählt, dass er seiner Frau 100 rote, teure Rosen zum Geburtstag geschenkt habe. Es hat nichts genützt, die Ehe wurde geschieden. Vielleicht wäre ein selbst gesuchter Bettsaicherlischtruss besser gewesen.

Ich weiss eigentlich nicht einmal, ob Kinder oder Grosse noch «Schtrüss» machen. Nicht machen lassen, suchen, selber! Ich bin kein Kulturpessimist, schon gar nicht finde ich, früher war alles besser. Ach was! Aber, gibt's das noch? Dieser Dusel, der sich einstellt beim Sammeln eines Schlösselistrausses, diesem Geschmack oder in der Standardsprache dieser Geruch, den ich einmal in einem Lied als Mischung aus Chanel und Bschöttigschtank besungen habe! Diese Farben! Blassgrün, als ob das Weiss des Schnees noch im Grün mitgemischt hat, dann das helle Gelb, kein Poweryellow, nein, ein fahles Gelb, das so wunderbar zum edlen Grau der Buchenstämme passt. (Jaja, ihr Modedesigner, auch ich habe dieses Grau schon lange entdeckt.) Und alles in Massen!

Gibt das Glückshormone? Oder nur dreckige Schuhe?