Das Geheimnis des «Abendroths»

HEIDEN. Die verwunschene Villa am Waldrand war meist unbewohnt und die Einwohner von Heiden rätselten lange über deren Besitzer. Der Komponist Heinrich von Herzogenberg baute sie einst für seine Ehefrau – sie starb vor der Fertigstellung der Sommerresidenz.

Michael Genova
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Geschützt vor neugierigen Blicken: Das Haus Abendroth in Heiden war Sommerresidenz und Alterssitz des Komponisten Heinrich von Herzogenberg. (Bild: Michael Genova)

Geschützt vor neugierigen Blicken: Das Haus Abendroth in Heiden war Sommerresidenz und Alterssitz des Komponisten Heinrich von Herzogenberg. (Bild: Michael Genova)

Lange war es einfach das Haus mit den verschlossenen Fensterläden. Angeblich habe es einmal einem Komponisten gehört. Mehr wusste man in Heiden nicht über die Villa mit Blick auf den Bodensee. Dann stiess Hotelier Andres Stehli aus Heiden 1996 auf eine Novelle des Dramatikers Ernst von Wildenbruch. «Das tote Haus am Bodensee» lautet der Titel der Reiseerinnerung, in der Wildenbruch den Besuch des «stummen, blinden Hauses» beschreibt. Gemeint ist das Haus Abendroth, das der österreichische Komponist Heinrich von Herzogenberg 1891 erbauen liess.

Aus Liebe zu seiner Ehefrau

Bis zu seiner Wiederentdeckung war Heinrich von Herzogenberg lange in Vergessenheit geraten. Für Andres Stehli war es ein Startschuss: «Ich fand es ungerecht, dass dieser Mann so lange verkannt wurde.» Allmählich fügten sich die bruchstückhaften Erinnerungen und zahlreichen Quellen wieder zu einem Bild zusammen. Der Bau der Villa Abendroth fiel in eine Zeit, da Heiden seine Blütezeit als Kurort erlebte. In den Sommermonaten floh die internationale Prominenz aus den europäischen Grossstädten und gönnte sich eine kreative Auszeit in der Vorderländer Gemeinde. Heinrich von Herzogenberg suchte die Appenzeller Sommerfrische wegen seiner Ehefrau Elisabeth, die schon länger gesundheitlich angeschlagen war. Zu einem gemeinsamen Bezug der Residenz kam es jedoch nicht mehr: Noch bevor das Gebäude fertiggestellt wurde, starb Elisabeth von Herzogenberg 1892 im Alter von 44 Jahren an einem Herzversagen.

Als Komponist schaffte es Heinrich von Herzogenberg zwar nie in die erste Liga der Musikwelt, war mit zeitgenössischen Protagonisten jedoch bestens vernetzt. So pflegte das Ehepaar Herzogenberg mit Johannes Brahms einen regen Briefwechsel. Elisabeth von Herzogenberg – selbst eine begabte Pianistin – war oft eine der Ersten, die zu neuen Werken Brahms ihre Meinung äussern durfte.

Villa in Privatbesitz

Andres Stehlis Faszination für dieses Künstlerpaar mündete schliesslich in der Gründung der Internationalen Herzogenberg-Gesellschaft, die während einiger Jahre in Heiden Konzerte organisierte. «Ich habe einen Veranstaltungs-Tick», sagt Stehli über seine Motivation. Während 35 Jahren führte er zusammen mit seiner Ehefrau die traditionsreiche Pension Nord.

In dieser Zeit habe er regelmässig Konzerte für die Öffentlichkeit organisiert. Einige Jahre nach Herzogenbergs Tod im Oktober 1900 wurde die Villa Abendroth öffentlich versteigert. So kam das Haus in den Besitz der Familie Bebié. Die Auslandschweizer leben auf Palma de Mallorca und verbringen bis heute regelmässig Ferien in Heiden.

Ein Augenarzt erfindet Heiden

Unweit vom Haus Abendroth, im benachbarten Waldpark, befindet sich ein Gedenkstein für einen weiteren Ausländer, der viel für Heidens internationale Ausstrahlung getan hat: Albrecht von Graefe. Der Berliner Augenarzt gilt als Begründer der modernen Augenheilkunde und erfand als Erster Operationsmethoden zur Behandlung des grünen Stars. In Heiden richtete von Graefe ab 1860 in der bekannten «Curanstalt zum Freihof» während der Sommermonate seine Praxis ein.

Albrecht von Graefe war überzeugt, dass das Klima in Heiden für Augenoperationen besonders geeignet sei. Bald gab es in Heiden 1600 Betten für Kurgäste – heute sind es noch rund 130. In jener Zeit des Aufschwungs machte von Graefe auch Vorschläge, wie Heiden den Fremdenverkehr weiterentwickeln könnte. Er schlug den Bau von Kuranlagen und Hotels vor. Autoren charakterisierten von Graefe später begeistert als den «Entdecker von Heiden», auf der Bronzetafel am Gedenkstein heisst es knapp: «Begründet Heidens Ruf als Kurort.»