Das eigene Verhalten hinterfragen

DIEPOLDSAU/BALGACH. Eveline Degani freut sich auf ihr Geburtstagsgeschenk. Es ist ein Buch, dessen Titel den Leser direkt anspricht. Eveline Degani hat das Buch selbst geschrieben. An ihrem 36. Geburtstag, übermorgen, stellt sie es öffentlich vor.

Gert Bruderer
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Eveline Degani mit Nicoel. «Gerade Kinder verdienen ein liebevolles Verhalten, auch bei einem Konflikt», sagt die Buchautorin. (Bild Gert Bruderer)

Eveline Degani mit Nicoel. «Gerade Kinder verdienen ein liebevolles Verhalten, auch bei einem Konflikt», sagt die Buchautorin. (Bild Gert Bruderer)

DIEPOLDSAU/BALGACH. Mit ihrem Mann Remo und den vier Kindern Elio, Malin, Nicoel und Simeon bewohnt die Konfliktpädagogin ein Einfamilienhaus an der Heimstrasse in Diepoldsau. Hier wird auch gestritten, das ist unvermeidlich. Die Frage ist, wie man es tut.

Frau Degani, wie lange ist es her seit dem letzten Konflikt?

Eveline Degani: Ich war heute genervt, weil ich bei meiner Arbeit gestört und abgelenkt wurde.

Sie richtet sich an ihren Mann, der neben ihr sitzt: «War das für dich ein Konflikt?» Er verneint. In Eveline Deganis Buch steht: «Einen Konflikt habe ich dann, wenn ich etwas will, das ich (gerade) nicht bekommen kann.» In ihrem Fall war das zuletzt die Konzentration. Sie sagt: «Natürlich spielt auch eine Rolle, was von den Beteiligten als ein Konflikt empfunden wird.»

«Was ist Ihre Sicht?»

Eveline Degani ist Trainerin für gewaltfreie Kommunikation und Mediatorin, ihr Mann hat die gleiche Ausbildung genossen. Im Untergeschoss ihres Hauses führen sie Seminare durch. Das Zimmer hat einen Parkett, auf ein paar kleinen grünen Teppichen steht je ein Korbsessel. Zwei Tische als Ablage, ein Holztisch, an den man sich setzt, ein zweiter, der mit einem weissen Tuch bedeckt ist, und auf dem ein bisschen Eigenwerbung darauf wartet, eingesteckt zu werden. In der einen Ecke atmet eine grüne Pflanze, gegenüber steht ein Flipchart.

In diesem heimeligen Raum steht auf der grossen Wand aus Ziegelsteinen in grosser Schrift eine Frage, die der Buchautorin wichtig ist. Die Frage lautet: Was ist Ihre Sicht? Und weiter unten ist zu lesen: Sichtweise entdecken und Perspektiven erkennen. Der Ursprung dieser Sätze liegt in Eveline Deganis Kindheit. Von klein auf hat sie das Bedürfnis, Menschen zu verstehen und selbst verstanden zu werden. Interessanter als die eigene Ansicht findet sie die Meinung anderer. Die eigene ist ihr ja schon bekannt. Vielleicht hat sie deshalb nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin in die kirchliche Jugendarbeit gewechselt. «Der Ansatz zur Partizipation», sagt sie, habe ihr zugesagt. Sie meint die Mitbestimmungsmöglichkeit der Jugendlichen. Als Autorin meidet sie das Fachchinesisch, schreibt sie so: «Kompromisse kommen zustande, wenn keine Einigung möglich scheint oder wenn es der einen Partei zu dumm wird, so dass sie nachgibt. Bei unseren Kindern kommt das manchmal auch vor, dann sagt schliesslich jemand: «Also gut, dann nimmst du es eben…»

Streiten gehört dazu

In der Ehe kam das Streiten. Nicht im Übermass. Halt so, wie es in jeder Ehe vorkommt. Anlass gibt es ja genug. Das Unerledigte, die Missverständnisse, Vorstellungen, die nicht zusammenpassen. Eveline Degani sagt: «Aber wir kommen schnell auf den Punkt, machen uns keine Vorwürfe, verletzen uns nicht, urteilen nicht über den andern.»

Das ist aber nicht immer möglich, oder?

Eveline Degani: Nein, immer nicht, aber immer öfter.

Besteht denn nicht die Gefahr, dass das Zusammenleben zu einer reinen Kopfangelegenheit wird, dass ein Streit nach Lehrbuch abläuft?

Eveline Degani: Nein, die Emotionen sind ja immer auch da, aber es ist sicher sinnvoll, alles, was man tut, bewusst zu tun, und die vorhandenen Bedürfnisse zu klären.

Wie sind Sie denn darauf gekommen, ein Buch zu schreiben?

Eveline Degani: Die Idee ist mir zugeflogen, vor drei oder vier Jahren. Ich fing an, Begebenheiten aus dem Alltag zu sammeln und ein Referat, das ich vor Eltern gelegentlich hielt, laufend auszubauen. Später habe ich begonnen, die Geschichten zuzuordnen, einem Streittyp, einer Streitphase zum Beispiel, und das Vorgefallene zu analysieren.

Das eigene Verhalten hinterfragt die Buchautorin schon lange. Als Mutter weiss sie, dass Kinder die Nerven strapazieren können und eine unangemessene Reaktion schnell passiert ist. Vielleicht wird man laut gegenüber dem Kind, vielleicht fasst man es unsanft an. «Das geht mir gegen das Herz», sagt Eveline Degani.

Einen Schritt weiterkommen

Auf die erste grosse Flipchart-Seite sind zwei Herzen aufgemalt. Sie leuchten in einem satten Rot, als wollten sie den Betrachter zu liebevollem Verhalten ermuntern.

Die im Buch beschriebenen Ereignisse, Geschichten aus dem Alltag, sind gut nachvollziehbar. Eveline Degani hat sie niedergeschrieben und sich mit ihnen befasst, um einen Schritt weiterzukommen. Als Autorin an die Öffentlichkeit zu treten, brauche Mut. «Aber vielleicht», sagt sie, «wächst dank des Buches bei Lesern die Hemmschwelle und wächst die Bereitschaft zu einem Seminarbesuch.»

Buchvernissage: Sonntag, 16. März, Foyer der Mehrzweckhalle Balgach; verschiedene kostenlose Kurzworkshops ab 10 Uhr. Nähere Infos: www.konfliktbewältigung.ch (10 Uhr: Einführung in die Sprache des Herzens; 12 Uhr: Erzählungen zum Buch «Und wie streiten Sie?») ISBN: 978-3-8495-7681-3