Das Auer Riet kommt ins Kino

Mehrere Hundert Stunden verbrachte der Herisauer Sepp Keller im Auer Riet. Das Resultat: Ein 80-minütiger Film über die Natur im Wandel der Jahreszeiten und die gelungene Symbiose zwischen Mensch und Tier. Am Dienstag hatte das Werk Vorpremiere im Kinotheater Madlen.

Seraina Hess
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AU/HEERBRUGG. Die Bilder verschneiter Landschaften, unterlegt mit sanften Flöten- und Klavierklängen, könnten alten Verfilmungen tschechischer Märchen entstammen. Und die Sonnen Auf- und Untergänge im Hochsommer gleichen eher jenen, die wir von Ferienorten im Süden kennen. Doch es ist das Auer Riet, in dem diese Naturschauspiele stattfinden und nun in einem Film festgehalten wurden.

Über vier Jahre lang hielt sich Sepp Keller (75) immer wieder in diesem Gebiet auf, um die Vielfalt der Lebensräume, Tiere und Pflanzen zu verschiedenen Jahreszeiten aufzunehmen. Dabei war der Herisauer, der sich nach der Pensionierung seine erste Filmausrüstung kaufte, im Frühling 2010 nur auf der Suche nach einem Kiebitz – einem Vogel, der mit 15 bis 20 Brutpaaren pro Jahr im Auer Riet häufiger vorkommt als in der ganzen übrigen Schweiz.

Stundenlang an Ort und Stelle

Doch die Ortsgemeinde Au wurde auf Kellers Schaffen aufmerksam und bat ihn, in ihrem Auftrag einen Film über das Riet zu machen und die Artenvielfalt im Gebiet festzuhalten. «Erst zögerte ich», erzählte Sepp Keller an der Vorpremiere am Dienstagabend, «denn ich bin Amateurfilmer und wusste nicht, ob ich dieser Aufgabe gewachsen bin.» Einen Kurs hat Keller nie besucht, einzig von seinem Freund, dem St. Galler Dokumentarfilmer Jost Schneider, holte er sich ein paar Ratschläge.

Irgendwann liess er sich vom Vorstand der Ortsgemeinde überreden. Von jenem Zeitpunkt an, das war im Sommer 2010, war der Herisauer oft um fünf Uhr früh im Riet, beladen mit Kamera, verschiedenen Objektiven und einem Stativ. Er filmte Feldhasen, Rehe, Füchse, Störche, Fasane, Frösche und Käfer. Um die Bilder einzufangen, sass Keller meist stundenlang am selben Ort – beispielsweise, als er eine Spinne filmte, die eine Heuschrecke verschlang. Die Reaktion des Publikums im Kinotheater Madlen zeigte am Dienstagabend, dass sich das Warten gelohnt hatte.

Zu zählen, wie viele verschiedene Tiere und Pflanzen er im Riet entdeckte, gab Sepp Keller schon bald auf. Ab und zu begleitete ihn der Wildhüter des Auer Riets, Reinhard Hellmair, und zeigte ihm immer wieder neue Plätze mit anderen Lebewesen. Doch trotz der Ratschläge war es für Keller unmöglich, das gesamte Filmmaterial in einem Jahr zu sammeln. «Wenn es nur ein paar Tage zu lang regnete, konnte es sein, dass eine spezielle Blume nicht blühte, die ich im Film zeigen wollte.» Aus einem Jahr wurden vier – was die Selektion der Aufnahmen erschwerte.

Gute Bilder, langer Film

Knapp 80 Stunden Filmmaterial hatte Keller gesammelt, als er letzten Sommer mit dem Rohschnitt begann. In mühsamer Auswahl wurde der Film auf 80 Minuten zusammengeschnitten und erreicht dabei noch immer beinahe Spielfilmlänge. Die Bilder, vor allem farbenprächtige Nahaufnahmen verschiedener Insekten, überzeugen zwar immer wieder aufs Neue, doch angesichts des einfachen roten Fadens – den Wechsel der Jahreszeiten – ist die Spieldauer des Films an der oberen Grenze angesetzt. «Weiter zu kürzen hätte ich aber nicht übers Herz gebracht», sagte Keller, «dann wäre ich der Vielfalt des Gebiets nicht gerecht geworden.»

Mensch und Tier im Einklang

Die Audiokommentare, zusammengestellt von Feld- und Rietmeister Kurt Zellweger und gelesen von Primarlehrerin Elisabeth Gloor, waren spärlich gesät, vermittelten aber doch einige historische und ökologische Details, die das Riet zwar vorstellten, den Film aber nicht wie einen Werbespot der Ortsgemeinde erscheinen lassen. Mit Text und Bild gelang es dem Regisseur ausserdem, einen wichtigen Punkt mehrmals herauszuarbeiten: Das funktionierende Zusammenleben von Mensch und Tier im Auer Riet. Dies zeigte sich beispielsweise, als ein Traktor das Feld pflügte und sich die Rehe knapp hundert Meter entfernt nicht davon beirren liessen.

Den Wunsch der Ortsgemeinde, die Artenvielfalt im Riet als Erfolg jahrelanger Arbeit festzuhalten, hat Keller definitiv erfüllt. Und vielleicht, hofft der Herisauer, wird er auch dem Anspruch an sich selbst gerecht: Die Menschen dazu zu bewegen, die Natur öfter und genauer zu beobachten und wie er selbst ein Auge fürs Schöne zu entwickeln.

«Jahreszeiten im Auer Riet» läuft am 23. Juni um 19.30 Uhr und am 24. Juni um 19 Uhr im Kinotheater Madlen in Heerbrugg.