«Dank Armenien sehen wir die Welt anders»

ALTSTÄTTEN/MEISTERSRÜTE. Eine Tourismusdestination ist Armenien nicht gerade. Gerade deshalb wählten Angela Kuratli aus Altstätten und Christian Hörler aus Meistersrüte das Land im Kaukasus für einen Atelieraufenthalt. Am Wochenende zeigten die Grafikerin und der Bildhauer im Diogenes Skizzen und Erinnerungsstücke.

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Angela Kuratli und Christian Hörler zwischen Ausstellungsstücken im Diogenes-Theater. Armenien, für sie vor ihrer Reise dorthin ein blinder Fleck auf der Landkarte, hat ihren Blick aufs Weltgeschehen verändert. (Bild: Max Tinner)

Angela Kuratli und Christian Hörler zwischen Ausstellungsstücken im Diogenes-Theater. Armenien, für sie vor ihrer Reise dorthin ein blinder Fleck auf der Landkarte, hat ihren Blick aufs Weltgeschehen verändert. (Bild: Max Tinner)

Was halten Sie von Radio-Eriwan-Witzen?

Angelika Kuratli: Bei uns wurden diese Witze früher gerne herumgeboten. In Armenien kennt man sie aber kaum oder gar nicht.

Sie stammen aus der Zeit des Sozialismus. Das fiktive Radio Eriwan beantwortet dabei mit Galgenhumor Fragen und kritisiert mit der Widersprüchlichkeit der Antwort das kommunistische System. Entspricht dieses Bild des pfiffigen Armeniers der Realität?

Christian Hörler: Ein Stück weit schon. Die Lebensumstände der Leute sind kaum besser als damals. Dennoch bewältigen sie ihren Alltag erfolgreich, sie sind erfinderisch und geben nicht auf.

Weshalb reisten Sie gerade nach Armenien?

Kuratli: Wir wollten in ein Land, das man bei uns weniger kennt.

Hörler: Es sollte nicht gerade eine Touristenmetropole sein.

Kuratli: Genau, so etwas wie ein blinder Fleck auf der Landkarte. In der Meinung, dass wir genau an einem solchen Ort zu einem neuen Blick aufs Weltgeschehen finden. Dazu kommt, dass Armenien eine reiche Kulturgeschichte hat. Uns interessierte, wie diese in der heutigen Zeit noch wahrgenommen und gelebt wird.

Hörler: Wir wollten uns auch einer Lebensweise aussetzen, wie man sie bei uns nicht kennt.

Sie haben in dem halben Jahr in Armenien auch gestalterisch gearbeitet. War die Reise für Sie so etwas wie eine Arbeitsreise?

Hörler: Ja, ein Atelieraufenthalt, aber kein staatlich subventionierter. Wir haben ihn uns selber finanziert. Wir wollten nicht an Bedingungen gebunden sein, wollten auch einmal einfach nichts tun können …

Kuratli: … und die Dinge einfach auf uns zukommen lassen.

Hörler: Genau. Gearbeitet haben wir aber trotzdem. Wir sind visuelle Menschen, wir «saugen auf», was wir sehen, und arbeiten schöpferisch damit.

Kuratli: Armenien war auch ein Ort, wo wir neue Inspiration fanden. Rückblickend haben wir sehr viel gearbeitet, wir waren aber auch viel unterwegs, haben uns das Land angesehen und den Kontakt mit den Menschen gesucht.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Kuratli: Mich hat überrascht, dass man in der Erwartung, sozusagen in ein Drittweltland zu reisen, erkennt, dass es dies tatsächlich nicht ist, obwohl die meisten Leute alles andere als reich sind. Aber den Leuten strahlt so richtig das Leben aus den Augen – wohl weil sie noch Zeit für sich selber haben. Das ist für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Reise für mein eigenes Leben.

Die Armenier kämpfen seit Jahrzehnten um Anerkennung des Genozids an ihrem Volk während des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches. War das während ihres Aufenthalts in Armenien ein Thema?

Kuratli: Ja, immer wieder. Man sah es auch daran, dass die Grenze zur Türkei zu ist. Viele Armenier betrachten die Türken als Verbrecher. Es gibt aber immer mehr Armenier, die nach Ostanatolien reisen, um die alten armenischen Kulturstätten in diesem Teil ihrer alten Heimat zu besichtigen – und ganz überrascht sind, wenn die Leute dort ihnen freundschaftlich begegnen. Es wäre an der Zeit für eine offizielle Entschuldigung, damit das armenische Volk diesen Teil seiner Geschichte verarbeiten kann.

Hörler: Was aber nicht heisst, zu vergessen. Sich an den Völkermord zu erinnern ist wichtig, damit man sich bewusst ist, dass der Mensch auch zu solch Schrecklichem fähig ist.

Haben Sie schon Pläne für eine nächste Reise?

Kuratli: Ja, es zieht uns schon wieder in die Ferne. Wir möchten noch durch Ostanatolien reisen und auch in den Iran. Wir sind uns in Armenien aber auch bewusst geworden, dass wir unsere eigene Heimat ebenfalls einmal etwas tiefgehender ergründen sollten.

Interview: Max Tinner

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