D Hoschtig ischt voll Iinässara: Wie sich die Rheintaler Mundart verändert

Nicht nur die Mundart ändert sich, auch die Schulschrift wurde vor bald 80 Jahren geändert.

Christoph Mattle
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Sanggaller Läasibüachli us da Zwonzgarjohra. Büabli und Möatali höcklid zfreada vor am Kloaschtar.

Sanggaller Läasibüachli us da Zwonzgarjohra. Büabli und Möatali höcklid zfreada vor am Kloaschtar.

Bild: pd

Das braune Lesebüchlein des st.gallischen Lehrmittelverlags war in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts in Gebrauch. Meine Mutter (geboren 1916) lernte damit lesen und hat mir das Büchlein hinterlassen. Das Umschlagbild ist interessant. Das Kloster in St.Gallen steht heute noch so da wie auf dem gemalten Bild. Bub und Mädchen allerdings stammen für moderne Augen aus uralter Zeit. Der Bub macht ein Gesicht! Trägt er eine Uniform? Sind seine Hosen zu kurz oder hat er Knickebocker an? Das Möatali trägt eine Schoass, so wie das üblich war. Man erkennt die Schultasche, auch Tornister genannt, mit der Schiefertafel. Ganz oben auf dem Bild sieht man den Heiligen Gallus beim Bau seiner Zelle. Der Bär schleppt folgsam Bauholz daher, so wie die Heiligenlegende es uns lehrt. Das ganze Büchlein war in der alten deutschen Schrift gehalten. Meine Mutter nannte das die tütsch Schreaft. Wenn man hochdeutsch sprach, sagte meine Mutter, ma redt noch da Schreaft.

Afangs alls ischt uf Englisch

Die Schüler von damals schrieben in der alten deutschen Schrift. Für Bücher und Zeitungen benützte man die Frakturschrift. Und wie stand es damals um die Mundart? Wir wissen, dass viele Wörter und Redewendungen verschwunden und neue gekommen sind. Kämen Kinder von damals in die heutige Welt, würden ihnen beim Sprachgebrauch in erster Linie die vielen Wörter auffallen, die es damals nicht gab. Das sind Fachausdrücke und vor allem englische Wörter. Diese sogenannten Anglizismen sind auch in der Mundart in Gebrauch. Selbst wenn man astreinen Oberiedner Dialekt spricht, erscheinen die folgenden Wörter als normal: Highlight, T-Shirt, Computer, Dress, Drink, Training, Tumbler, Bike, Outfit, Bachelor, Sneaker und Hunderte oder gar Tausende weiterer englischer Ausdrücke, die wir täglich uni Umiluga verwenden. Überall steht heute Sale, wenn Läden Ausverkauf haben. Interessant finde ich, dass man Sale in der Mundart dennoch nicht sagt. Kein Mensch sagt, är geng no in Sale. Man spricht immer noch vom Uusvakoof.

Horch, was kommt von draussen rein!

Nicht nur das Englische hat in unserer Mundart Einzug gehalten, sondern auch das Hochdeutsche fliesst – vermutlich wegen Film und Fernsehen – immer deutlicher in unsere Mundart ein. Beispiele: Hätte man früher gesagt, ein Schelm müsse im Kefi iigschpeet wäara, so spricht man heute nach hochdeutschen Vorbild vom Wägschperre (Wegsperren) im Gfängnis. Beim Wetter sprach man früher von under Null Grad. Heute sagen die Wetterleute undaram Gfrüürpunkt. Man spricht vom Iiparka und oft nicht mehr vom Parkiara; vom Siebnidrissg und oft nicht mehr vom halbi Achti. Auf vielen Packungen steht Müsli statt Müesli. Man spricht vom LKW statt vom Laschtwaga. Junge Leute sagen oft nicht mehr Züacha, sondern Schublaada, Träppe statt Stäaga, Zuun statt Hag, Laaka statt Linntuach, Mais statt Törgga . Es gäbe Hunderte, wenn nicht Tausende von Mundartwörtern, die zurzeit am Aussterben sind. Neulich hörte ich eine Mutter sagen: «Min Sohnemann häd iignässt.» Auf Oberiednerisch hiesse das «Mina Buab häad is Bett gs… oder gmacht.» Derbe Ausdrücke vermeidet man heute. Ich werde in Zukunft da gäala Bloom uf da Hoschtig nicht mehr Bettsoacherli sagen, sondern Iinässara.

Die Mundart aktiv kaputt machen

Leider gibt es Medien, die unsere Mundart aktiv kaputt machen. Ich könnte viele Beispiele anführen. Ich nenne dasjenige, das man in praktisch allen Schweizer Regional- und Lokalfernsehstationen hört. Wenn beispielsweise über einen Unfall berichtet wird, benützen die modernistischen Lokal-TV-Journis den Präsens, die Gegenwartsform. Der Satz im Lokalfernsehen lautet dann: «Gescht am Morge am füfidrissg chunds in Wittebach zum Zemmeschtooss vo zwei Autos. Ei Lenkerin wird schwer verletzt. Sie mues mit em Heli i Spitolpfläg gfloge wärde. Sie stirbt am Oobet.» Wenn ich solchen Unfug höre, kann ich entweder den Kopf schütteln oder das Gerät abstellen. Kein Mensch würde am Familientisch so reden. Der Unfall geschah doch gestern! Also soll er in der Vergangenheitsform geschildert werden. Wenn der letzte Satz heisst «Sie stirbt am Oobet» weiss ich als Hörer, der auf korrekten Mundartgebrauch Wert legt, nicht, ob gestern oder morgen Abend gemeint sei.

Vom Gsiberger zum Warberger

Die Vorarlberger nennt man im restlichen Österreich oft die Gsiberger, weil man in Vorarlberg als einzigem Bundesland das Wort gsii verwendet. Bei uns und in Vorarlberg heisst es korrekt: I be geschter z Bräagaz gsii. Leider aber hört man das gsii im Gsibergerland immer weniger. Viele Vorarlberger sagen: I war geschter in Bregenz. Deshalb sagt man, es heisse nicht mehr Gsiberger, sondern Warberger. Es gibt in Vorarlberg viele Mundartsänger, gute Mundartliteratur; insgesamt beachtenswert und vorbildlich. In der breiten Öffentlichkeit aber ist die Mundart massiv unter Druck. Viele Vorarlberger sagen, sie müssten hochdeutsch reden, weil die Zugewanderten aus Wien, Kärnten oder der Steiermark den lokalen Dialekt nicht verstünden.

Da haben wir es in der Schweiz einfacher, weil alle deutschsprachigen Schweizer grundsätzlich dieselbe Mundart sprechen, nämlich alemannisch. Auch in Vorarlberg spricht man alemannisch. Im übrigen Österreich spricht man eine Mundart, die zur bayrischen Sprachfamilie gehört. Österreich hat etwas, was die Schweiz nicht hat, eine Sprachgrenze innerhalb eines deutschsprachigen Landes. Wir verstehen einen zugezogenen Berner und er versteht uns. Wenn allerdings ein «Aborigine» aus dem Berner Oberland oder aus einem Walliser Seitental is Oberied züglat, denn moas ma scho kogamässig lose, dass ma eam sini Sprooch vastood. Abr umkeat frilli oo!