Curry, Chili und Aromat sei Dank

Kurt und Conny May verkaufen in Au Heuschrecken, Mehlwürmer und Kakerlaken. Ginge es nach ihnen, sollten Insekten, die hierzulande als Futter für Reptilien dienen, bald auch auf unserem Speiseplan stehen. Ein Selbstversuch.

Seraina Hess
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AU. Locusta migratoria. So heisst der etwa sieben Zentimeter lange Kerl, der vor mir auf dem Teller sitzt. Fast so, wie er es eine Stunde zuvor mit Hunderten von Artgenossen im Terrarium tat, wenn er denn nicht zwischen Eierschachteln und Nüsslisalatblättern herumhüpfte. Flügel, Fühler, Beine und Kopf – alles ist noch dran. Der Schädel mit den grossen Augen und den Mundwerkzeugen setzt mir am meisten zu. Anders als seine Artgenossen im Glaskasten ist das Tier aber nicht mehr grün und lebendig, sondern knusprig und tot.

Ins heisse Erdnuss-Öl

Bis aus den zehn Heuschrecken ein Mittagsmahl wurde, gab es für Kurt und Conny May, Inhaber des Reptilien-Futter und -Zubehör-Geschäfts Reptiking, einiges zu tun. Und für mich eine kurze Zeit der mentalen Vorbereitung und der Einführung in die Kunst des Heuschrecken-Kochens. Denn die Insekten werden nicht lebendig im heissen Öl gebraten, sondern zuvor in kochendes Wasser geworfen. Aus zwei Gründen: Die Tierchen sind sofort tot und dazu noch gereinigt. Was qualvoll klingt, sei nicht ganz so übel, beruhigt mich Conny May: Das Schmerzempfinden eines Insekts sei nachweislich nicht mit jenem eines Säugetiers zu vergleichen.

Sind die Schrecken erstmal verbrüht, kommen sie in den Wok ins heisse Erdnuss- oder Sesamöl. Dort werden sie unter Zugabe verschiedener Gewürze auf hoher Stufe etwa fünf Minuten gebraten. Kurt May empfiehlt mir Knoblauch, Ingwer, Zitronengras und Chili. Der Duft eines asiatischen Gerichts, der sich in der Küche des Geschäfts ausbreitet, ist wahrlich verlockend.

Was bleibt, ist der Körper

Das Paar klärt mich auf, wie ich die Heuschrecke zu essen habe: mit den Fingern. Denn die Flügel müssen ab, auch die hinteren Beine. Und wer möchte, darf sogar den Kopf entfernen – was mich ungemein erleichtert. Die ganze Prozedur dauert ein Weilchen und erinnert stark an das Schälen von Crevetten. Am Ende bleiben Brust und Hinterleib, der Rest landet im Abfall. Ein kleiner Happen also, der mich dennoch grosse Überwindung kostet.

Geht es nach Kurt und Conny May, ist das in ein paar Jahren anders. Das Paar ist überzeugt, dass Insekten in der Küche Zukunft haben. Weil die proteinhaltigen Tierchen einerseits gesund und andererseits im Vergleich zu Nutztieren um einiges effizienter zu züchten sind. Wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen schreibt, setzt eine Heuschrecke hochgerechnet zwei Kilo Futter in ein Kilo Körpergewicht um – ein Rind hingegen frisst für die selbe Zunahme rund zehn Kilo.

Trotz aller ökologischen Details wäre mir das Rind im Moment lieber. Doch es gibt kein Zurück: Conny May macht es vor.

Ich beisse in das Insekt.

Versuche, den sezierten Körper, der die Konsistenz einer Crevette hat, schnellstmöglich zu zerkauen und zu schlucken. Doch irgendwann breitet der Geschmack sich aus.

Er ist gut.

Dank Chili, Knoblauch, Zitronengras und Aromat.

Larven des Schwarzkäfers

Der Geschmack der Schrecke ist nur am Rande wahrnehmbar, eine Kreuzung zwischen Baumnüssen und Cashewkernen. Er liesse sich aber beeinflussen, weiss Conny May. Beispielsweise dann, wenn den Heuschrecken Kräuter statt Salat verfüttert werden. Denn der Darminhalt, so schrecklich dies im Moment des Kauens auch klingt, wird mitgegessen.

Die Heuschrecken, von denen Conny und Kurt May vorsichtshalber nicht ganz so viele gekocht haben, sind bald gegessen. Als Hauptspeise gibt's Mehlwürmer. Gottlob sind auch die bereits vorgekocht, als sie im Wok landen. Gleiche Temperatur, ähnliche Gewürze, diesmal mit Curry. Etwa 20 Gramm der Winzlinge, um die ich sonst einen Bogen mache, wenn sie im Kompost gedeihen, liegen auf dem Teller. Larven, die bald zu einem zwei Zentimeter grossen Schwarzkäfer wachsen würden, wenn sie denn noch lebten.

Fast wie Spaghetti

Diese Tierchen bereiten mir weit mehr Mühe als die Heuschrecke, da sie selbst nach dem Braten noch so aussehen, als könnten sie sich jederzeit winden und an einem der Zitronengras-Halme knabbern.

Doch auch beim Würmchenschmaus zeigt sich: Gewürze sind kleine Wundermittel. In diesem Fall sogar noch viel mehr: Entweder liegt's am Curry, oder einfach daran, dass die Larven in ihrer Konsistenz ganz stark an gebratene Spaghetti erinnern – denn sie munden, naja, fast ausgezeichnet. Und mit ein bisschen Phantasie verschwinden auch die schwarzen Äuglein und die winzigen Beinchen, die man auf der Zunge spürt.

Kein Ersatz-Zmittag

Am Ende ist die Portion, die einem Bartagam oder Leopardgecko gut drei Wochen gereicht hätte, weg. Etwas früher als gedacht bin ich wieder im Büro, denn um den eingeplanten Notfall-Zmittag im Coop-Restaurant kam ich herum.

Nicht, weil mir schlecht gewesen wäre.

Wer Insekten probieren möchte, kann das am Tag der offenen Tür am Sonntag in Au, an dem die Geschäfte von 11 bis 17 Uhr geöffnet sind. Adresse: Reptiking GmbH, Binnenkanalstrasse 1247.