Cristina Rickert aus Au stellt aus Kitesegeln nachhaltige Mode her

Im Garten von Cristina Rickerts Elternhaus im Oberfahr hängen Kites über gespannten Schnüren zum Waschen und Trocknen. Später wird aus ihnen nachhaltige Mode genäht. Die sportlichen Unikate entstehen im Tessin und in Au.

Hildegard Bickel
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Im Garten von Cristina Rickerts Elternhaus im Oberfahr hängen Kites über gespannten Schnüren zum Waschen und Trocknen. Diese Drachen aus feinem, strapazierfähigem Stoff trugen zuvor Kitesurfer über Wellen, liessen sie mit dem Wind abheben und Adrenalinschübe erleben. Der Sport, eine Kombination aus surfen und fliegen, strahlt eine Leidenschaft aus, die auch Cristina Rickert entdeckt hat.

«Kiten vermittelt ein Gefühl von Freiheit und Weite.»

Die 38-Jährige fand eine Möglichkeit, diese Inspiration in ihr eigenes Start-up einfliessen zu lassen. Das Material ausgedienter Kites verarbeitet sie zu Taschen und Jacken. Beim Anprobieren entsteht ein überraschender Effekt: Die Jacke knistert. Ein Geräusch, als bausche der Wind ein Kitesegel auf.

Arbeiten nach ethischen Grundsätzen

Cristina Rickert, gelernte Schneiderin mit langjähriger Erfahrung in der Modebranche, wollte etwas Neuartiges, Umweltschonendes schaffen. Die heutige Textilindustrie basiere auf ei­ner Ausbeutung der Umwelt, «was mich je länger, je mehr abschreckte». Ihr Wunsch war es, zweckmässige Mode aus wiederverwendbaren Materialien herzustellen. Sie experimentierte mit Verschiedenem, bis ihr Bruder auf die Idee kam, ihr sein erstes Kitesegel zur Verfügung zu stellen.

Bei einem Glas Matchatee zeigt sie in ihrem Showroom im Elternhaus die erste Kollektion einzigartiger Freizeitjacken. Jedes Modell, das sie herstellt, trägt den Namen des Kitesurfers auf einer eingenähten Etikette. Auf der Website kann jedes Kite-Leben – Erlebnisse, Einsatzorte – nachgelesen werden. «Kiter sind stolz auf ihr Segel», sagt Cristina Rickert. Zu wissen, dass es nicht entsorgt wird, sondern einer modischen Bestimmung dient, löst rundum positive Reaktionen aus. Es sind vor allem Kiter und sportlich aktive Menschen, die bisher zu ihren Kunden gehören.

Pendeln zwischen Ost- und Südschweiz

Der leichte Akzent und italie­nische Ausdrücke verraten, wo Cristina Rickert aufgewachsen ist: im Tessin. Ihr Vater, der mittlerweile verstorben ist, wohnte in Au, weshalb sie regelmässig pendelte. Seit drei Jahren hält sie sich je zur Hälfte in der Südschweiz und im Rheintal auf. Zuhause in Au wäscht sie die Kites, die manchmal sandig und verschmutzt sind, und trifft Vorbereitungen bis zum Schnitt, tatkräftig unterstützt von ihrer Mutter.

In Bellinzona kann sich Cristina Rickert auf die Zusammenarbeit mit einer Kollegin in einem dort ansässigen Atelier verlassen, wo sie gemeinsam am Feinschliff der Jacken arbeiten. Das Innenfutter besteht zu 100 Prozent aus rezykliertem Polyester, Reissverschlüsse und weitere Details sind ebenfalls kompromisslos nachhaltig. Die Taschen lässt die Modemacherin in einem traditionellen italienischen Familienbetrieb herstellen. Die Unterstützung von KMU ist ihr wichtig, ebenso ihre Philosophie:

«Mode ist mehr als nur Kleidung. Sie stellt eine Wechselwirkung der einzelnen Individuen untereinander dar.»

Im Frühling, zur Zeit des Lockdowns, gründete Cristina Rickert ihr Start-up nach dreijähriger Vorlaufzeit und unzähligen Arbeitstagen, die erst spät nachts endeten.

Ziele konsequent verfolgen

Sie liess sich von den Pandemieumständen nicht entmutigen und präsentierte ihre Kollektion im Sommer in Silva­plana im Engadin, einem in­ternationalen Surf-Hotspot. Seit September ist die Website far-shop.com online.

Die Designerin ist eine zierliche Frau, die Sanftmütigkeit ausstrahlt, aber auch Courage. Die Stationen in ihrem Lebenslauf zeugen von Mut und Durchsetzungsvermögen. Sie baute ein eigenes Modeatelier in Lugano auf und führte während drei Jahren einen Bioladen – wo sie sich in Themen rund um Gesundheitsbewusstsein vertiefte. Cristina Rickert ist Pescetarierin, sie ernährt sich seit ihrer Jugend vegetarisch, mit Ausnahme von Fischgerichten.

Erfahrungen in der Modebranche sammelte sie nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule Lugano in Italien, New York und bei Akris in St.Gallen. Zudem arbeitet sie seit Längerem im Networkmarketing, eine Tätigkeit, die ihr finanzielle Sicherheit bietet und erlaubt, das Projekt Far-Shop voranzutreiben. Denn die Kite-Kollektion möchte Cristina Rickert erweitern. Der Prototyp eines Gilets hängt bereits an einem Kleiderständer.