«Couch-Potatoes haben wir keine»

ALTSTÄTTEN. Die Kosten für Sozialhilfe steigen. Nicht nur deshalb soll jeder arbeitsfähige Sozialhilfebezüger eine Anstellung finden. Die Stadt Altstätten unterstützt ihre Klienten seit 1999 nach dem Prinzip: Lohn statt Sozialhilfe.

Monika von der Linden
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Roman Zimmermann (Leiter Sozialamt Altstätten, links) und Ruedi Mattle (Stadtpräsident von Altstätten) haben gute Erfahrungen mit dem Projekt «Lohn statt Sozialhilfe» gemacht. (Bild: Monika von der Linden)

Roman Zimmermann (Leiter Sozialamt Altstätten, links) und Ruedi Mattle (Stadtpräsident von Altstätten) haben gute Erfahrungen mit dem Projekt «Lohn statt Sozialhilfe» gemacht. (Bild: Monika von der Linden)

«Es ist Ziel, die Kosten der Sozialen Wohlfahrt stabil zu halten», sagt Stadtpräsident Ruedi Mattle. Er ist optimistisch, obwohl fast überall im Rheintal die Ausgaben für Sozialhilfe steigen (Ausgabe vom 12. Februar).

Jeder arbeitsfähige Sozialhilfebezüger muss sich anstrengen, eine Anstellung zu finden. Was leicht gesagt ist, bedarf einer gezielten Unterstützung. Die Stadt Altstätten tut dies – nach dem Prinzip: Lohn statt Sozialhilfe.

«Es ist richtig», sagt Roman Zimmermann, Leiter Sozialamt. In den letzten fünf Jahren musste die Stadt immense Mehrkosten tragen. Bei der Sozialen Wohlfahrt – alle Massnahmen zur Armutsbekämpfung – sind die Ausgaben um 42 Prozent gestiegen, von 3,6 Mio. Franken (2010) auf 5,15 Mio. Franken (2014), bei den Gesundheitskosten um 774 Prozent, von 250 000 Franken (2010) auf 2,18 Mio. Franken (2014).

Praktikum als Sprungbrett

Gesundheitskosten lassen sich nur bedingt reduzieren. Es müssen alle benötigten Leistungen erbracht werden. Weil die Pflege alter und kranker Menschen zu Hause günstiger ist als in einem Heim, wird Altstätten, wie die übrigen Gemeinden im Rheintal, die Spitex ausbauen.

Damit die finanziellen Leistungen in der Sozialhilfe nicht steigen, unternimmt die Stadt Altstätten ständig Anstrengungen. Im Jahr 2014 war die Sozialhilfe um 154 000 Franken tiefer als im Vorjahr. «Wir bleiben aktiv», sagt Ruedi Mattle. Ziel sei es, jeden, der fähig ist, in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.

«Lohn statt Sozialhilfe. Diese Regel führten wir im Jahr 1999 ein und bauen sie nun weiter aus», sagt Roman Zimmermann. Innerhalb von drei Monaten arbeite jeder Klient in einem Projekt oder sei vermittelt. Trägheit schleiche sich erst gar nicht ein. «Couch-Potatoes gibt es bei uns nicht.»

Das Sozialamt vermittelt Sozialhilfebezügern Einsätze im Alters- und Betreuungsheim Forst, in der Abwasserreinigungsanlage oder bei externen Firmen. Ein Praktikum wird oft zum Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt. Manchmal bewähren sich die Teilnehmer so gut, dass sie übernommen werden. Sie lernen, den Tag zu strukturieren, und erlangen eine in der Arbeitswelt gefragte Qualifikation. «Die Kosten des Projekts dienen auch der Bildung und der Einarbeitung», sagt Ruedi Mattle. «In externen Firmen dürfen die Praktikanten keine Konkurrenz für andere Mitarbeitende sein.» Sie werden befristet dort eingesetzt, wo zum Beispiel eine Maschine eingespart wird.

Betrug ist selten

«Manchmal werden Nebenverdienste verheimlicht», sagt Mattle. «Verdachtsfälle erhärten sich aber selten.» Die betreffende Person wird sofort darauf angesprochen. «Ist sie ehrlich, sind wir kulant», sagt Roman Zimmermann. Dann verrechnet das Sozialamt den strittigen Betrag und verzichtet auf eine Strafanzeige.

Dauert der vermutete Betrug länger, erwägt die Stadt eine Anzeige. In den letzten fünf Jahren gab es keine. Sozialdetektive wie Zürich setzt Altstätten nicht ein. «Die soziale Kontrolle und die Hemmschwelle sind noch höher», sagt Mattle. Renitente Sozialhilfebezüger, die sich ewig einer Vermittlung verweigern, gibt es etwa drei pro Jahr, beziehungsweise ein bis zwei Prozent. Ihnen wird eine Kürzung oder die Streichung der Leistungen angedroht. Ist derjenige dann bereit zu arbeiten, zieht das Sozialamt die Sanktion zurück. «Das ist zwar aufwendig, aber nötig, damit das renitente Verhalten nicht ansteckt.» Ruedi Mattle sagt: «In der Prävention sind wir stark – auch wenn es schwer messbar ist.» Weil Junge das grösste Risiko tragen, werden Massnahmen früh angesetzt. Wer im Kindergarten schon einen Rückstand in Deutsch hat, ist später vielleicht ein Klient. Als effiziente Massnahmen nennt der Stadtpräsident Integration in Form von Muki-Deutschkursen, die Spielgruppe für Fremdsprachige oder die Schulsozialarbeit.

«Wichtig ist, im Rheintal flächendeckend aktiv zu sein», sagt Mattle. Altstätten habe günstige Wohnungen und dadurch eine gewisse Anziehung. «Das spricht sich herum. Wer nach Altstätten kommt, wird aber auch gefordert. Es ist ein Abwehrkampf, den wir konstruktiv führen.» Meist kommt nur, wer eine Chance will – und der ist dann auch arbeitswillig. Mattle sagt: «Wir lehnen niemanden ab und schieben niemanden aktiv in eine andere Gemeinde ab.» Einen Konsens in der Region zu finden, trage dazu bei, die Mehrbelastungen der Gemeinden nicht auf den Schultern der Klienten auszutragen.

Altstätten muss am Ball bleiben und die Kosten im Griff behalten. «Wir können aber nicht davon ausgehen, dass die Kosten in Zukunft markant sinken werden», sagt Mattle.

Ehrenamtlicher Vermittler

Sehr gute Ergebnisse erreichte die Stadt Altstätten mit einem Arbeitsvermittler, den sie im Januar 2014 eingesetzt hat. Er öffnete viele Türen (siehe Zweittext). Inzwischen hat er selbst eine feste Anstellung, entschied sich aber nach einem Monat Pause, weiter ehrenamtlich für das Sozialamt Altstätten tätig zu sein.

Ruedi Mattle schlägt auch einen Bogen zur Asylpolitik: «Es lohnt sich, Asylsuchende früh zu integrieren. Viele sind nicht ans Lernen gewöhnt.» Der Bund zahle sieben Jahre lang. Danach müssen die Gemeinden für derartige Versäumnisse aufkommen.