Champion am Spielfeldrand

Nicht direkt vom Kühlschrank auf den Grill legen. Nur einmal wenden und ohne Senf essen. «Das ist die ganze Hexerei», sagt Mario Olivieri, der zum Grillmeister der besten Stadionwurst der Schweiz gekürt wurde.

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Nicht direkt vom Kühlschrank auf den Grill legen. Nur einmal wenden und ohne Senf essen. «Das ist die ganze Hexerei», sagt Mario Olivieri, der zum Grillmeister der besten Stadionwurst der Schweiz gekürt wurde. Und zwar im Buch von Michi Benz, Roli Hofer und Alex Hofmann, das in 24 Stadionreportagen «der Fussballschweiz auf die Pelle rückt». Vor einer Woche wurde zur Buchvernissage in Zürich geladen. «Leider konnte ich nicht dabei sein», sagt Mario Olivieri. Er sitzt in der «Kronen»-Lounge, dem Sportrestaurant des Paul-Grüninger-Stadions in St. Gallen, in dem er wirtet, wenn gerade kein Match läuft.

Geheimnis kennt Bechinger

Aber der Rummel um seine Person sei ihm sowieso nicht ganz geheuer. «Wenn es ein Geheimnis um die beste Stadionwurst gibt, dann weiss es der Bechinger», sagt Olivieri mit leichtem italienischen Akzent. Von dieser Metzgerei in St. Georgen bezieht er seine Bratwürste, Cervelats, Stumpen und Schüblige, die er im Wurststand des SC Brühl brät. An jedem Heimspiel. An etwa 15 Samstagen. Um die 10 000 Stück pro Saison.

Natürlich brauche das auch Erfahrung. Der 61-Jährige lächelt. Er schaut aus dem Fenster auf den leeren grünen Rasen und erinnert sich an seine «Feuertaufe» am ersten Heimspiel vor einem Jahr. «Es lag so viel Schnee», sagt er, zeigt etwa 20 Zentimeter zwischen seinen Handflächen an. «Zwei Angestellte sind ausgefallen. Ich rief meine Schwester und ihren Mann an.» Und denen hat's gefallen. Sie braten seither ebenfalls Würste im Paul-Grüninger-Stadion, in einem anderen Grillhüsli.

Auch schon hätten statt der Angestellten die Würste gefehlt. «An meinem ersten Mittwoch-Spiel habe ich Nachschub beim Metzger anfordern müssen.» Mittlerweile könne er aber formelgenau berechnen, wie viele Würste auf den Grill gehören: «Man nehme die Zuschauerzahl geteilt durch drei. Unter der Woche geteilt durch zwei», sagt er. Ganz simpel also, wie das Handwerk.

Der Geschmack der drei B

Dabei hat dem gebürtigen Italiener die Ostschweizer Spezialität anfangs überhaupt nicht geschmeckt. 1967 ist er von einem Bergdorf im Friaul nach St. Gallen gekommen. Salsiccia und Luganiga mit der groben Füllung, das habe er damals gekannt. «Aber ich habe ziemlich schnell gelernt, was gut ist», sagt er und lacht. Fussball habe ihn interessiert, so sei er auf den Geschmack der drei B gekommen: Bratwurst, Bürli und Bier.

Sein Fussballherz, das schlage «seit eh und je» für Juventus Turin. Und für den SC Brühl, den er eine grosse Familie nennt. Seit Jahren sei er mit dem Club verbunden. 2001, als dessen 100- jähriges Bestehen gefeiert wurde, sei er zum ersten Mal mit einem Stand vor dem Stadion gestanden. Damals, als er noch das Restaurant Da Pietro beim Silberturm geführt habe, sei allerdings Pasta statt Wurst im Angebot gestanden. Nach 25 Jahren im «Da Pietro» trete er nun in der «Kronen»-Lounge etwas kürzer. Wenn er nicht gerade hinter dem Kochherd oder Grill stehe, nutze er die freie Zeit zum Wandern im Alpstein. «Beim Wildkirchli kann ich so richtig den Kopf leeren.» Zwei weitere W haben es ihm angetan: Wellness und Wein. Er zeigt auf ein Regal voller italienischer Weine, mit denen er handelt. Und rät sogleich: «Zur Bratwurst würde ein Chianti mit seiner präsenten Säure passen.»

Hoffnung auf Stadtmatch

Mario Olivieri lässt seinen Blick noch einmal über den grün-gelben Stadionrasen schweifen. Er hege eine ganz besondere Hoffnung: «Wenn der SC Brühl auf- und der FC St. Gallen absteigt, dann gibt das nach 40 Jahren wieder einen Stadtmatch hier.» Gerüstet wäre der Grillmeister für den Fall. «Wir müssten mit etwa 5000 Würsten rechnen. Und acht bis zehn Grillstationen einrichten.»

Janina Gehrig