Bomberlandung im «Krummasea»

Am 16. März 1944 landete zwischen Kriessern und Widnau der erste amerikanische Bomber im Rheintal. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs sollten es 166 amerikanische Flugzeuge sein, die angeschlagen in der Schweiz Schutz suchten.

Werner Wittwer
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WIDNAU. Nach dem Eintritt der Amerikaner (nach dem japanischen Angriff auf Hawaii) in den Zweiten Weltkrieg im Dezember 1941, begannen sie ab Oktober 1942 die achte Luftflotte in England zu stationieren. An der Casablanca-Konferenz im Januar 1943 hatten die Briten und die Amerikaner die Prioritäten festgelegt, wie der Luftkrieg zu führen sei. Als oberstes Ziel waren die Flugzeugmontagewerke und als Nächstes die -motorenwerke vorgesehen. Augsburg war am 16. März als Ziel vorgegeben. Diese Stadt mit dem südlich davon gelegenen Flugplatz Lechfeld war ein bevorzugtes Ziel. In Augsburg befanden sich die Messerschmitt-Werke, und auf dem nahe gelegenen Flugplatz wurden die Flugversuche auch mit der neuen düsenbetriebenen Me 262 durchgeführt.

Landung wie auf Skiern

München und Augsburg wurden durch die deutsche Fliegerabwehr stark verteidigt. Dadurch wurde der Rumpf des Flugzeuges (siehe Bild) beschädigt. Durch den Ausfall von Motor drei (rechts) ging der Anschluss an die Staffel verloren. Der Pilot entschied sich, in die Schweiz abzudrehen. Der Einflug in die Schweiz erfolgte im Rheintal. Die Suche nach einem geeigneten Landeplatz war nicht schwer, lag doch zu Füssen des Flugzeuges eine grosse Ebene. Nach einem Abstecher nach Altstätten flog die Festung von Süden über Montlingen und Kriessern ins Gebiet «Krummasea» ein. Die Landung mit eingezogenem Fahrwerk erfolgte problemlos. Nur der untere Rumpfteil wurde eingedrückt.

Ein Motor wurde getroffen

Der Navigator 1st Lt Murray Ball erinnerte sich: «Wir erhielten einen Treffer bei Motor Nummer 3, der sofort Feuer fing. Die Maschine hatte so starke Vibrationen, dass die Geschwindigkeit sofort um 70 km/h sank. Zuerst wollten wir über Deutschland das Flugzeug verlassen. Obwohl die deutschen Jäger uns ständig attackierten, beschlossen wir trotzdem die Schweiz anzufliegen. Unsere Schützen leisteten gute Arbeit, und nach kurzer Zeit waren wir alleine. Nachdem wir den Bodensee überflogen hatten, suchten wir einen geeigneten Landeplatz. Die alte B-17 landete mit eingezogenem Fahrwerk wie auf Skiern.» Der Augenzeuge Eugen Loher (Jahrgang 1936, Montlingen) erinnert sich: «Ich arbeitete in der Hostet, als ich durch ein tiefes Brummen aufgeschreckt wurde. Von Süden her flog ein grosses Flugzeug daher. So einen Koloss hatte ich noch nie gesehen. Schaudernd stellte ich fest, dass er auf der Höhe des Kirchturmes und des Berglis das Dorf passierte. Anderntags vernahm ich, dass das Fluggerät notlandete und es sich um einen amerikanischen Bomber handelte.» In der Bevölkerung ging sofort das Gerücht um, dass Fallschirmjäger niedergegangen seien.

Zehn Besatzungsmitglieder

Das Flugzeug führte den leitenden Einsatz-Offizier als Co-Piloten mit und bestand nebst dem Piloten, dem Navigator, dem Ingenieur und dem Funker aus den Bomben- und Kugelschützen, dem rechten, linken und hinteren Schützen. Die Offiziere wurden in Davos und die Unteroffiziere in Adelboden interniert.

Eine Boeing B 17 G

Die Boeing B 17 G, die in Kriessern niederging, die sogenannte fliegende Festung, der 8. AF, 95. BG, war stationiert in Framlingham (East Anglia, GB). Ihre technischen Daten: Erstflug: 28. Juli 1935, Indienststellung: April 1938, Produziert wurde dieser Typ von 1936 bis 1945 in einer Stückzahl von 12 731. Sie war 23 Meter lang, mit einer Spannweite von 32 Metern. Der Antrieb bestand aus «Wright Cyclone R-1820»-Neun-Zylinder-Sternmotoren mit Abgasturbolader mit je 1200 PS. Die Boeing erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 462 km/h und hatte ohne Bombenlast eine Reichweite von 7110 Kilometern. Bewaffnung: 13 Browning-M2- MGs, Kaliber 50 (hier bekannt als MG 64), dazu 7485 Patronen, Bombenlast: max. 4700 kg.

Ohne Zufahrtswege gestaltete sich die Bergung des Bombers im weichen Rietboden als schwierig. Die Armee demontierte das Flugzeug, und es wurde zuerst auf dem Lastwagen und dann mit dem Zug nach Dübendorf gebracht, wo es später verschrottet wurde.