«Böhnala» ist unfein und verboten

Hinter der Erntemaschine Kartoffeln sammeln, Bohnen, Rüebli? Manche machen einen Sport aus dem Nachlesen. Manche Landwirte tolerieren es. Andere schreiten ein. Keinem ist es gleichgültig. Landwirte empfinden das Ernten ohne zu fragen als Respektlosigkeit.

René Schneider
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KRIESSERN. Stolz präsentiert der Sammler dem abendlichen Spaziergänger seine Beute: Ein Velokörbli voller Bohnen! Es sei «verrückt» wie viele schönste Bohnen hinter der Erntemaschine liegen bleiben. «Sünd und schad» sei es darum. Doch kippt des «Böhnalars» gute Laune nach der Frage, ob das Sammeln denn erlaubt sei: «Wollen Sie mir Diebstahl unterstellen?» Das Nachlesen sei althergebrachtes Bürgerrecht. Was nach der Ernte liegen bleibe, sei Allgemeingut. Der Landwirt werde den Acker samt den liegen gebliebenen Bohnen pflügen.

«Wie die Geier»

Manfred und Sonja Baumgartner vom Lindenmadhof differenzieren. «Wir haben noch niemandem, der uns fragte, das Nachlesen untersagt. Aber wenn wir nicht reagieren, nimmt es groteske Ausmasse an», sagt Manfred Baumgartner. «Wie die Geier» würden manchmal – während des Erntens – gewisse Sammler einfallen. Es gebe eben unter den Anständigen eine Szene, sie sich am Handy verständigt, wo was zu holen ist. Wenn jemand, der gefragt hat, auf einem Acker nachliest, interpretierten das Nachfolgende gern «als grünes Licht für alle». Zuweilen würden Autos auf den Acker gestellt, die Zufahrt blockiert, gefährlich nah an der Erntemaschine gesammelt, schamlos von verladebereiten Haufen genommen oder gar vom noch nicht geernteten Feld nebenan.

Schnell pflügen

«Es geht nicht um den Wert», betont Manfred Baumgartner. «Aber wenn wir keine Grenzen setzen, wird es immer mehr, es ufert aus.» Er stellt fest, dass Kollegen, die rigoros einschreiten, von der unangenehmen Szene gemieden werden, während die anderen umso zahlreicher besucht würden. Schnell nach dem Ernten gepflügt werde nicht aus Neid und Missgunst, auch nicht etwa auf Wunsch der Abnehmer, sondern sozusagen vorbeugend: Je länger man damit warte, desto mehr Volk ziehe das Feld an, und sehr schnell werde – vor allem nachts und ergänzend – auch in den Nachbarfeldern geerntet.

Kein altes Recht

«Wären die Leute vernünftig, wäre das Nachlesen kein Problem», sagt Sonja Baumgartner. Doch werde die Menge der Sammelnden so wie die Schamlosigkeit Einzelner eben schnell zum Problem.

Der Widnauer Rechtsanwalt (s. Kasten) Werner Ritter hat auf Anfrage in alten bis mittelalterlichen Rechtsschriften ohne Erfolg nach Hinweisen auf «überliefertes Recht» gesucht. «Nach intensivem Rechtsstudium habe ich keine Belege für ein allgemeines Recht, auf Privatgrundstücken Früchte und Beeren zu sammeln, gefunden, auch nicht in alten Rechtsbüchern.»

Das Sammeln von wildwachsenden Früchten und Beeren sei gemäss ZGB Art. 699 (Zivilgesetzbuch) im Wald und auf den Weiden gestattet. Auf Wiesen und Äckern dürfen Früchte von Kulturpflanzen nur dann gesammelt werden, «wenn der Eigentümer sein Eigentumsrecht offenkundig aufgegeben hat und die Früchte und Beeren offensichtlich herrenlos sind». In der Praxis: Wenn der Landwirt es direkt oder mit einem Schild am Feldrand erlaubt.

Besondere Vorschriften galten früher im Rheintal für die Nutzung der Allmend, die den jeweiligen Ortsbürgern zur allgemeinen Nutzung offenstand. Jurist Ritter merkt an: «Früher waren Feldfrüchte für die Eigentümer überlebenswichtig. Somit ist nicht davon auszugehen, dass sie auf den Wiesen und Äckern liegen gelassen wurden und dass Dritte sie an sich nehmen durften.» Landwirt Stefan Britschgi in Diepoldsau, dessen Angestellte auch auf Feldern von Vertragspartnern ernten, verweist auf die Unfallgefahr im Bereich der Erntemaschinen.

Das Nachlesen bezeichnet er als «unschön». Es gehe weniger um den materiellen Wert oder Verlust als «um Anstand und Respekt». Die Zahl der Sammler und Jäger nehme zwar eher ab. Abnehmend sei aber leider auch die Zahl jener, die vorher fragen.

Keine Selbstbedienungsläden

Der Altstätter Markus Ritter, Landwirt und Präsident des Schweizer Bauernverbandes, schreibt auf Anfrage: «Landwirtschaftliche Kulturen sind keine Selbstbedienungsläden, sondern die Einkommensgrundlage der Bauernfamilie. Die Bauernfamilien sind deshalb sehr enttäuscht, wenn Produkte von den Feldern ohne Fragen einfach mitgenommen werden. Ein solches Verhalten auf seinem Grundstück hätte niemand gerne. Zu bedenken gilt weiter: Von einem durchschnittlichen Schweizer Einkommen müssen weniger als sieben Prozent für Lebensmittel aufgewendet werden. Dies ist weltweit einer der tiefsten Werte.»