Betrügerin weint vor Gericht

Sie hatte eine schlechte Kindheit, und sie ist psychisch krank. Es tue ihr alles furchtbar leid, beteuerte die Betrügerin vor Gericht und bat um eine letzte Chance. Die allerletzte.

René Schneider
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Das Kreisgericht Rheintal tagte im Haus Raben in Altstätten. (Bild: René Schneider)

Das Kreisgericht Rheintal tagte im Haus Raben in Altstätten. (Bild: René Schneider)

ALTSTÄTTEN. Die 34-jährige Hausfrau, kaufmännische Angestellte und Mutter zweier kleiner Kinder «arbeitete» nebenbei besonders hinterhältig und trickreich: Sie bestellte über Online-Plattformen Güter, die sie nicht bezahlte und verkaufte sie günstig. Oder sie verkaufte über Online-Plattformen Güter, die sie weder besass noch lieferte. Die Ermittler wiesen der Frau Dutzende von Betrügereien mit einer Schadenssumme von gegen 20 000 Franken nach. Die Liste der Geschädigten, die ihr Geld zurückfordern, umfasst drei Dutzend Namen aus allen Gegenden der Schweiz. Nur ein Opfer hat Wohnsitz im Rheintal. Die Forderungen von rund 16 000 Franken bewegen sich zwischen zehn und 560 Franken; ein grosser Online-Handel fordert knapp 3000 Franken zurück. Ein Teil der Opfer hat auf eine Anzeige verzichtet und ihr Geld abgeschrieben. Die Guthaben auf den eingefrorenen Konten der Betrügerin reichen, die Zivilforderungen und die Gerichtskosten zu decken, stellte der Richter fest.

Sie hatte es nicht nötig

Das Warum wurde in der Verhandlung immer wieder angesprochen. Sie wisse es nicht, schluchzte die junge Frau. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kleinkindern in geordneten Verhältnissen. Das überdurchschnittliche Einkommen des Alleinverdieners reicht gut für die ganze Familie. Immer wieder in der Befragung weinte die Frau. Ihr Mann und die Kinder bedeuteten ihr alles. Sie stünden zu ihr, und nur deswegen sei sie noch am Leben. Sie könne sich nicht erklären, warum sie wieder begonnen habe mit Betrügereien.

Fest steht: Die Frau ist einschlägig vorbestraft und war letztes Jahr während sechs Monaten im Gefängnis und in einer psychiatrischen Klinik. Der Vollzug einer Strafe aus einem Urteil von 2007 war wegen der Geburten über Jahre hinausgeschoben worden. Hätte sie gewusst, was Strafvollzug wirklich bedeutet, hätte sie wohl nach der letzten Verurteilung aussteigen können, sagte die Frau. Wenn sie jetzt «eine allerletzte Chance» bekomme, werde sie bestimmt nie wieder rückfällig.

Das Tablet der Tochter

Vier Geschädigte verfolgten die Verhandlung als Zuschauer. Darunter war eine Mutter, deren damals 17-jährige Tochter der Betrügerin über eine Online-Plattform für 460 Franken einen mit ihrem Taschengeld ersparten Tablet-Computer «abgekauft» hat. Die Tochter samt Mutter im Hintergrund waren vorsichtig beim Internet-Kauf. Trotzdem gingen die beiden der Betrügerin auf den Leim.

Die Rheintalerin «handelte» nur auf Plattformen, auf denen die Kunden keine Verkäufer-Bewertung abgeben können. Sie schuf am Telefon Vertrauen und vermied «Geld gegen Ware»-Geschäfte, indem sie einen Wohnort weitab jenem der Kundschaft angab. Nach Eingang des Geldes hielt sie die Kunden hin, machte die Post für ausbleibende Pakete verantwortlich, verschickte gefälschte Post-Belege, drohte, beschimpfte die Reklamierenden – und reagierte bei allzu hartnäckig Nachfragenden bald einmal weder auf Mails noch auf Anrufe. Nur Kunden, die eine Anzeige bei der Polizei in Aussicht stellten, bekamen ihr Geld zurück – oder einen Teil davon.

Probezeit und Therapie

Die Staatsanwaltschaft schlug dem Gericht ein Urteil im abgekürzten Verfahren vor: Die geständige und reuige Betrügerin wird zu einer Freiheitsstrafe von 16 Monaten bei einer (ungewöhnlich langen) Probezeit von fünf Jahren verurteilt. Wird sie rückfällig, muss sie ins Gefängnis. Die Frau muss sich ambulant therapieren lassen und wird unter Bewährungshilfe gestellt. Auch muss sie die Zivilforderungen und die Verfahrenskosten begleichen.

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