Beten und Zeitung lesen

Das Knie schmerzt, die Finger sind von der Gicht gezeichnet und das Gehör will schon lange nicht mehr recht funktionieren – doch Bertha Brüstle, geboren 1909, jammert nicht.

Seraina Hess
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BERNECK. Über Bertha Brüstles Bett im Alters- und Pflegeheim Städtli hängt ein Kruzifix, die Schale an der Wand ist mit Weihwasser gefüllt. «Herrgott, erhalt' mir mein Gedächtnis», sagt sie jeden Morgen und jeden Abend – und das Gebet zeigt Wirkung: Bertha Brüstle erinnert sich an viele Episoden ihres langen Lebens. 105 ist sie im Sommer geworden. «Frau Brüstle sagt aber lieber, sie sei im 106. Lebensjahr. Sie ist sehr stolz auf ihr Alter», sagt Heimleiter Peter Lenz.

Aufgewachsen ist Bertha Brüstle in Kirchberg im Toggenburg. Ihre sechs Geschwister leben schon lange nicht mehr. Ebenso ihr Mann, mit dem sie nach der Hochzeit in Berneck lebte. Brüstle erinnert sich aber lieber an Zeiten, in denen sie glücklich war, anstatt um längst Verstorbene zu trauern. Zum Beispiel an die Jahre, als sie am Priesterseminar in St. Gallen arbeitete. «Ich habe für die jungen Männer so gut gekocht, dass sich manch einer wünschte, ich wäre seine Mutter», sagt Brüstle.

Wie Mutter und Sohn

Seit 1995 ist sie im Altersheim zu Hause. «Hier sind alle sehr gut zu mir», sagt sie. Was sie plagt, sind Beschwerden, die das Alter bringt. Stricken kann sie nicht mehr, weil die Hände von der Gicht gezeichnet sind. Spazieren geht sie nicht mehr, weil das Knie schmerzt. Und Gespräche sind schwierig, weil das Gehör nicht mehr recht funktioniert. Anstatt zu jammern, behält Bertha Brüstle ihren Optimismus: «Manchmal ist es gar nicht schlecht, wenn man nicht alles hört.» Trotz der Einschränkungen werde ihr nie langweilig: «Ich bete viel, lese die Zeitung und schaue abends ein bisschen fern.»

Auf das Gerät in ihrem Zimmer ist sie besonders stolz. Geschenkt bekommen hat sie den Fernseher von Kurt Dierauer (68). Einer der wenigen, die Brüstle regelmässig besuchen – obwohl er dafür von Genf in die Ostschweiz fahren muss. Die beiden verbindet ein spezielles Verhältnis: «Es ist fast, als wäre sie meine Mutter», sagt er über Brüstle, die keine Kinder hat.

Helferin in der Not

Kurt Dierauer kennt Bertha Brüstle seit seiner Jugend, als sie im Bernecker Hinterdorf einen Käseladen führte. Vis-à-vis stellte sein Vater, der Lebensmittel und Güter der Mobil Werke transportierte, die Pferde ein. Ein paar Jahre später, in den 1960ern sei das gewesen, bauten Dierauers Eltern im Oberdorf ein Haus neben jenem der Brüstles. Das Verhältnis zu den Nachbarn war immer gut. Intensiver wurde es, als Dierauers Mutter in den 70ern verstarb.

Bertha Brüstle nahm sich dem verwitweten Vater an und half ihm in den ersten Jahren im Haushalt. «Ich war damals schon in Genf sesshaft geworden und weit weg von zu Hause. Frau Brüstle werde ich für ihren Einsatz ewig dankbar sein», sagt Kurt Dierauer. Obwohl er sie zwei- bis viermal pro Jahr im Altersheim besucht und alle zehn Tage mit ihr telefoniert, siezt er sie noch immer. Sie habe ihm zwar vor drei Jahren das Du angeboten – «ich kann es aber nicht annehmen. Aus Respekt dieser Frau gegenüber», sagt er.

Energie aus dem Glauben

Für Kurt Dierauer sei Bertha Brüstle ein grosses Vorbild. «Als ich sie einmal fragte, ob sie denn überhaupt noch leben wolle, schaute sie mich erstaunt an, fast als wäre die Frage vollkommen überflüssig», erinnert er sich. Ihr Lebenswille zeige sich in sich auch im Alltag; zum Beispiel, wenn sie von ihrem Canapé aufsteht und sich dabei trotz Schmerzen nicht helfen lassen will.

Kurt Dierauer vermutet, dass sie die Energie, die sie noch heute an den Tag legt, aus ihrem Glauben schöpft. Denn Angst, den 106. Geburtstag vielleicht nicht mehr zu erleben, hat Bertha Brüstle nicht. «Man nimmt alles, wie's einem der Herrgott schickt», sagt sie.