BERNECK: Mundart aus dem ganzen Tal

Für einmal stand die Sprache im Mittelpunkt der Bernecker MaiBlüten. Am literarischen Leseabend wurden drei unterschiedliche Rheintaler Mundarten in Szene gesetzt.

Max Pflüger
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Mit dem Trio Anderscht wurde der Leseabend auch musikalisch zum Genuss. (Bilder: Max Pflüger)

Mit dem Trio Anderscht wurde der Leseabend auch musikalisch zum Genuss. (Bilder: Max Pflüger)

BERNECK. Das Rheintal ist reich an ganz verschieden klingenden Dialekten. Mitten im musikalischen Maiblüten-Garten war der Mundart-Leseabend mit drei Rheintaler Autorinnen von beiden Seiten des Rheins ein literarischer Höhepunkt: Der Torkel Oberdorf war am Mittwoch bis auf den letzten Platz mit Zuhörern besetzt, die sich immer wieder mit Applaus für das Dargebotene bedankten.

In ihrem ganz eigenen Dialekt von der Rheininsel Diepoldsau las die auf unserer Rheinseite bestens bekannte Dorfpoetin Berta Thurnherr. Als Gäste von jenseits der Grenze waren die Dornbirnerin Anna Gruber und die in Frastanz-Gurtis heimische Margit Seebeger mit ihren unterschiedlichen Mundarten zu hören.

Virtuose Hackbrettmusik

Was das Trio Anderscht mit Andrea Kind und Fredi Zuberbühler am Hackbrett und am Kontrabass, begleitet von Roland Christen, bot, war weit mehr als nur eine musikalische Umrahmung der Lesungen. Virtuos und abwechslungsreich spielten sie neben volkstümlichen Klängen moderne Rhythmen und Melodien, Tango- und Pop-Interpretationen. Sie entwickelten aus Appenzeller Zäuerli heraus aber auch Schuberts Lied von der Forelle oder die Arie des Vogelfängers Papageno aus Mozarts Zauberflöte. Musikalischer Genuss pur, der beim Publikum ankam. So gab es reichen Applaus, zum Beispiel auch für den furios und temporeich vorgetragenen jüdischen Klezmer-Hochzeitsmarsch «Chassn Kalah Mazel Tov».

Aus ihrem reichen Repertoire las Berta Thurnherr Geschichten aus der Vergangenheit ihres Dorfes, die sie bei alten, inzwischen wohl meist verstorbenen Einwohnern gesammelt hatte. Vom Mahlen der Törgga bei Papa Kuster, von Anekdoten aus der Sekundarschulzeit im Internat Maria Hilf in Altstätten, oder – auf besonderen Wunsch eines Gastes – auch die Geschichte von der Frau, die einst dem Schuhmacher Schrepfere Hannes sein Bett «versoacht» hat. Diese Geschichte habe auch den Nonnen von Grimmenstein immer am besten gefallen, meinte sie lachend.

Daneben brillierte Berta Thurnherr aber vor allem mit ganz kurzen, nur aus wenigen Sätzen bestehenden Sequenzen. Diese zeugen von der Beobachtungsgabe und dem sprachlichen Talent der Poetin.

Zwei von ennet dem Rhein

Kurze, präzise Aussagen kennzeichnen auch die beiden Vorarlbergerinnen, die mit ihren knappen Gedichten die Bernecker Mundartlesung zum hochstehenden Hörerlebnis werden liessen. Sie zeigten damit die gestalterische Kraft ihrer Mundart in der vollen literarischen Breite. Und sie weckten damit die Lust, das eine oder andere der beiden Autorinnen einmal in Ruhe nachzulesen und für sich im Detail zu reflektieren. Vom Mai, von Blumen, Liebe und Leidenschaft zum Beispiel sprach Anna Gruber. Gefühlvoll und mit viel Humor ging sie das Thema an. In herrlichen Sprachbildern (natürlich nicht in Schriftsprache, sondern im urtümlichen Dornbirner Dialekt) liess sie ihre Gedichte lebendig werden: «Weiden schaukeln wie trauernde Frauen», «Der Sonntag kriecht über die Berge und guckt durch den Hag in den neuen Tag.»

Aktualität einbezogen

Die Dichterin Margit Seeberger ist auch Malerin. Das schimmert in ihren Wortwerken durch. Ihre Gedichte sind fein beobachtet und einfühlsam gezeichnete Wortbilder: Tautropfen auf Rosenblätter, rosarot angemalte Wolken. Margit Seeberger spielt mit den Worten wie mit Farben auf der Palette. Bisweilen ist die Autorin aber auch phantasiereich und temperamentvoll, etwa wenn sie humorvoll eine lange Reihe von Kosewörtern erfindet: «Du min Bergkraxler, Honigschenker, Fuuschtöffner …»

Beide Vorarlbergerinnen äusserten sich am Bernecker Leseabend auch mit knappen, wohldurchdachten Worten zur Aktualität: Sie beschrieben mit wenigen, präzise gewählten Sätzen einfühlsam das Schicksal der Menschen auf der Flucht und wünschten sich für sie Verständnis und Integration statt Abschottung und Angst vor Fremden.

Drei fröhliche Dichterinnen (v. l.): Anna Gruber, Dornbirn, Margit Seeberger, Frastanz-Gurtis, und die Diepoldsauerin Berta Thurnherr. (Bild: Max Pflueger)

Drei fröhliche Dichterinnen (v. l.): Anna Gruber, Dornbirn, Margit Seeberger, Frastanz-Gurtis, und die Diepoldsauerin Berta Thurnherr. (Bild: Max Pflueger)