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BEI DER GLÜCKSSPIELSUCHT GIBT ES EINE HOHE DUNKELZIFFERBEI DER GLÜCKSSPIELSUCHT GIBT ES EINE HOHE DUNKELZIFFER: In zwei Stunden 50000 verspielt

Manuel Hauser * aus Altstätten liebt das Spiel mit dem Glück. Der Gedanke an leicht verdientes Geld packte ihn mit 18. Seine Tochter und die Haftanstalt retteten ihn vor seiner Sucht.
Benjamin Schmid
Der Traum vom schnellen Reichtum endet für manche im Albtraum einer Glücksspielsucht. (Bild: Depositphotos/Sashkin7.)

Der Traum vom schnellen Reichtum endet für manche im Albtraum einer Glücksspielsucht. (Bild: Depositphotos/Sashkin7.)

Benjamin Schmid

Schritt für Schritt bewegen sich die Beine über den weichen Teppich. Bleiern und schwer ist der Gang. Unkontrolliert und wie in Trance schweift Hausers Blick durch den Raum. Er ist kalt und leer. Auf seiner linken Seite reihen sich Spielautomaten und einarmige Banditen aneinander. Im Hintergrund drängen sich Herren in Anzügen mit ihren Begleiterinnen im Abendkleid um die blauen Pokertische. Auf der anderen Seite steht eine Männergruppe vor einem Black-Jack-Tisch. Der Eine gestikuliert wild, der An­- dere richtet seinen Blick flehend gegen die Casino-Decke, ein Dritter nippt nervös an seinem Whisky on the Rocks und ein Vierter beschwört den Croupier. Apathisch schreitet Hauser voran, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Aus der Ferne hört er schallendes Gelächter. Doch nach Lachen ist ihm nicht. In den letzten zwei Stunden hat er 50000 Franken verspielt.

«Der Traum vom schnellen Geld schien greifbar»

Hätte er bei seinem ersten Casino-Besuch geahnt, welche Konsequenzen dieser haben würde, wäre Hauser gar nicht erst ein­getreten. Zusammen mit einem Freund und mit 40 Franken bewaffnet, wollte er einen schönen Abend verbringen, Spass haben und nach Möglichkeit einen Gewinn davontragen. Eine der Slot-Maschinen erfüllte seinen Wunsch und bescherte ihm 2000 Franken. Hauser hatte Blut geleckt. «Der Traum vom schnellen Geld schien greifbar zu sein», sagt Hauser heute, fünf Jahre später, und fügt hinzu: «Ich brauchte nur zu kommen und alles zu wiederholen.»

Zu Beginn war er diszipliniert, besuchte das Casino in Bad Ragaz nur an den Wochenenden und mit kleinen Beträgen. Er wurde vom Glücksgefühl, etwas zu gewinnen und der Hoffnung, erneut den Jackpot zu knacken, getrieben. Schleichend erhöhte er die Spielbeträge, ohne den gewünschten Gewinn einzustreichen. Anfangs habe er sich nichts dabei gedacht. Das Spielen gab ihm einen Kick. Adrenalin wur­-de durch seine Venen gepumpt. Keinen Gedanken habe er daran verschwendet, dass er mehrheitlich Geld verlor, anstatt es zu gewinnen.

Aus blossem Spiel wurde bitterer Ernst

Mit 20 wagte Hauser den Schritt in die Selbstständigkeit und gründete ein florierendes Handelsgeschäft mit Luxusuhren und Antiquitäten. Dadurch standen ihm plötzlich höhere Spielbeträge zur Verfügung, schliesslich machte sein Geschäft hohe Umsätze. Mittlerweile war er sich an einen kostspieligen Lebensstil gewohnt, führte ein Leben in Saus und Braus und warf grosszügig mit Trinkgeld um sich. «Ich war in allen Casinos in der Gegend ein gern gesehener Gast», sagt er.

Zu dieser Zeit war er stolz darauf, heute ist er erschrocken darüber, wie sehr ihn die Casino-Mitarbeiter manipuliert haben. Dies sei bis heute ein grosses Problem bei Casinos. «Anstatt süchtige Spieler vor sich selbst zu schützen, ziehen sie ihnen jeden Rappen aus der Tasche», sagt Hauser. Natürlich sei er auf die Versprechungen hereingefallen, natürlich bekam er bei den prognostizierten Jackpots glänzende Augen, und natürlich wollte er auf die Schnelle zu noch mehr Wohlstand kommen. Und dennoch ist er davon überzeugt, dass die Casino-Betreiber seine Sucht gnadenlos ausgenutzt und sich an ihm masslos bereichert haben.

Bis Ende 2015 hatte der damals 21-Jährige seine gesamten Ersparnisse sowie das Erbe seines Grossvaters verspielt. Um weiterzuspielen brauchte er Geld. Weil er es nicht hatte, bat er in der Familie und bei Freunden um Unterstützung. Kaum hatte er Geld geliehen bekommen, machte er sich auf, dieses im nächstgelegenen Casino wieder zu verlieren. Dadurch manövrierte er sich auf direktem Weg in einen Teufelskreis: Um die Schulden zurückzubezahlen, brauchte er frisches Geld, das er im Casino gewinnbringend investieren wollte. Nur blieben die Gewinne aus oder waren zu gering, um die wachsende Schuldenlast zu tilgen. Die Sucht forderte ihren Tribut. Von einer inneren Unruhe getrieben, erlag Hauser fortdauernd dem Zwang, spielen zu müssen. Bald waren alle Geldquellen angezapft, doch diese reichten bei Weitem nicht aus, seine Verluste zu decken. Hauser entwickelte in dieser Zeit ein Gespür dafür, Menschen zu täuschen, zu belügen und zu betrügen.

Freunde, Familie, Aussehen: Alles stand hinten an

Immer grösser wurde das Netz aus Lügen und Intrigen, das er über die Jahre gesponnen hatte. Es komme schon gut, dachte sich Hauser. Er war sich keiner Schuld bewusst, noch sah er sich als spielsüchtig, dafür wähnte er sich im Recht und auf der Erfolgsspur. «Wäre nicht von aussen her Druck auf mich ausgeübt worden, hätte ich mein Verhalten nie geändert», gesteht er heute. Von sich aus wäre er nie auf die Idee gekommen, sich bei Swiss-Casinos sperren zu lassen.

Nur weil ihm eine geschädigte Person mit einer Anzeige drohte, entschloss er sich zu diesem Schritt. Doch diese Massnahme fruchtete nicht, im Gegenteil, dadurch verschärften sich nur die Umstände seiner Sucht. Nun befriedigte er sein Verlangen im Casino Bregenz, was zu längeren Anfahrtswegen und höheren Ausgaben führte. Hauser trieb es auf die Spitze. Immer höher wurden seine Einsätze, immer grösser sein Risiko. «Ich habe in zwei Stunden über 50000 Franken verspielt», sagt er und ergänzt: «Das sind Momente, in denen du bei der Fahrt nach Hause überlegst, den Wagen in den nächsten Baum zu lenken.»

Mit jedem Verlust sanken die Aussichten, aus dem Teufelskreis auszubrechen und in ein normales Leben zurückzukehren. Tagsüber schlief er, um am Abend ins Casino zu gehen. Verpflegung gab es vor Ort an den Spieltischen. Hauser scherte sich nicht mehr um seine Freunde, vernachlässigte seine Familie und sein Aussehen. Alles drehte sich um das Glücksspiel. Sein Alltag war von Angst geprägt: von der Angst, nicht mehr spielen zu können und seinen Schuldnern zu begegnen. Etliche Male standen seine Gläubiger vor der Tür und forderten ihre Einsätze plus Zinsen zurück. Hauser führte ein Schattendasein, bewegte sich vorwiegend in der Nacht und kappte jegliche Kontakte.

Eine Diagnose verändert das Leben grundlegend

So trieb er das Spiel bis in den Sommer 2017 weiter. Obwohl es ihn psychisch kaputt machte, er unter Angstzuständen litt und ständig mit einer Verhaftung rechnen musste, konnte er sich nicht aus eigener Kraft davon lösen. Erst die Verhaftung letzten Sommer brachte sein Weltbild ins Wanken. Aber es fiel nicht zusam­men. Hauser war es gewohnt, sich mit Lügen durchs Leben zu schlagen, sein Alltag war dermassen von Betrügereien durchdrungen, dass er selbst Staatsanwalt und Psychiater belog. Doch Letzterer entlarvte ihn und hielt ihm einen Spiegel vor. «Da realisier­- te ich mein Fehlverhalten und meine missliche Lage.» Der Psychiater diagnostizierte bei ihm eine pathologische Spielsucht. Nun veränderte sich sein Leben grundlegend. Anstatt einer Haftstrafe gab es ambulante Massnahmen.

Einmal pro Woche trifft er den Psychiater, um über seine Sucht zu sprechen, und alle zwei Wochen hat er einen Termin bei den sozialen Diensten und beim Schuldenberater. Aktuell beträgt der Schuldenberg, den er durch seine Sucht aufgehäuft hat, 130000 Franken. Insgesamt aber hat er nach eigenen Aussagen beinahe eine Million Franken verspielt. Eine Summe, die auch Hauser erst verdauen muss. Dank den vereinbarten Ersatzmassnahmen, der Therapie und der Einbindung in die Arbeitswelt kommt er langsam aus der Sucht heraus. «Ohne externe Hilfe wä­re ich immer noch Stammgast in den Casinos», sagt Hauser und ergänzt: «Besonders aber die Geburt meiner Tochter hat mir die Kraft und Ausdauer gegeben, die Sucht zu überwinden und einem geregelten Alltag nachzugehen.»

* Name der Redaktion bekannt.

Ab wann spricht man von einer Glücksspielsucht?

Welche Symptome zeigen sich?

Wer ist davon betroffen?

Schätzungen gehen von ca. 1% der erwachsenen Bevölkerung aus. Wegen Schuld- und Schamgefühlen, aufgrund von Verleugnung und Verdrängung gibt es eine hohe Dunkelziffer. Häufig kommen Betroffene nicht auf eigenen Wunsch in Behandlung, sondern als gerichtliche Auflage oder auf Druck von Arbeitgebern oder Familie.

Welche Ziele verfolgt eine The­rapie?

Die Antworten stammen von Paula Kunze, Psychotherapeutin am Psychiatrie-Zentrum Rheintal

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