Balkon fehlt: Putzfrau stürzt ab und bricht sich mehrere Knochen

Eine Putzfrau stürzte aus dem zweiten Stock eines Hauses in Frauenfeld, weil der Balkon abmontiert worden war. Das Bezirksgericht hat Bauherrn und Bauleiter der fahrlässigen schweren Körperverletzung schuldig gesprochen.

Thomas Wunderlin
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FRAUENFELD. Die Putzfrau wollte den Wäscheständer auf den Balkon stellen, um im Büro staubsaugen zu können. Doch Bauarbeiter hatten den Balkon abmontiert. Die Putzfrau stürzte 2,85 Meter in die Tiefe und brach sich mehrere Knochen. Ihr linker Fuss und die fünf untersten Wirbel mussten versteift werden.

Noch heute, sechs Jahre nach dem Unfall, ist sie zu 100 Prozent arbeitsunfähig. Erst kürzlich musste sich die 43-jährige Südamerikanerin wieder einer Operation unterziehen.

Solidarisch für den Unfall haften der 40-jährige Bauherr und der 43-jährige Bauleiter, wie das Bezirksgericht Frauenfeld gestern urteilte. Es sprach beide der fahrlässigen schweren Körperverletzung schuldig. Der Bauherr erhielt eine bedingte Strafe von 30 Tagessätzen zu 190 Franken und eine Busse von 1520 Franken. Der Bauleiter wurde ebenfalls bedingt bestraft, nämlich mit 15 Tagessätzen zu 170 Franken und einer 680 Franken Busse.

Nur wenige Stunden Gefahr

Obwohl der Balkon während mehr als einem Monat fehlte, war es nur wenige Stunden gefährlich. In der übrigen Zeit sanierten die Bauarbeiter das Dach der Garage im Erdgeschoss. Der Balkon, der sich im zweiten Stock befindet, wurde entfernt, um seine morschen Planken durch einen Glasboden zu ersetzen. Während der Bauarbeiten wurde die Garage überdeckt durch ein Notdach, das bis zur Balkontür reichte und einen Absturz verhindert hätte. Am Vorabend des Unfalls vom 26. Oktober 2006 wurde jedoch das Notdach entfernt, da am nächsten Morgen der Balkon wieder montiert werden sollte.

Die Putzfrau kam ein- bis zwei- mal im Monat, um die Wohnung des Bauherrn im zweiten Stock zu putzen. In der Bauzeit war sie jedoch nicht im Haus, da der Bauherr in die Ferien gefahren war. Die Nacht vor dem Unfall verbrachte er wieder in der Wohnung und bestellte sie dabei per SMS. Er begegnete ihr am Morgen, sagte aber nichts vom fehlenden Balkon. Dies hätte er nach Ansicht des Richters tun müssen. Als Arbeitgeber habe er grundsätzlich eine Fürsorgepflicht für seine Putzfrau. «Sie haben einen Fehler gemacht.» Die Putzfrau habe sich nicht um seine Wäsche kümmern müssen, sagte der Bauherr. «Dazu hatte sie keinen Auftrag.» Auch habe sie nichts auf dem Balkon zu tun gehabt. Nachdem das Notdach abmontiert war, hatte sich der Bauleiter an den Mieter der Wohnung im ersten Stock gewandt, der einen Schlüssel für die Wohnung im zweiten Stock besass. Er bat ihn, die Läden vor der Balkontür zu schliessen. Das genügte nicht, um ihn zu entlasten. «Nur schon ein grosser Zettel hätte den Unfall verhindert», sagte der Richter. Er sei erstaunt, dass der Bauleiter zu Protokoll gegeben habe, dass er von den beiden massgebenden Sicherheitsverordnungen die eine nicht kenne und von der andern nur gehört habe. «Als Bauleiter müssen Sie diese kennen.»

Gericht rügt Verfahrenslänge

Als «erstaunlich» und «nicht ganz nachvollziehbar» bezeichnete der Richter auch die lange Verfahrensdauer. Diese sei in den Urteilen berücksichtigt. Draussen war es noch dunkel, als die Putzfrau um 7.10 Uhr abstürzte. Sie erinnere sich nicht an den genauen Ablauf, sagte sie, als das Gericht vor der Verhandlung einen Augenschein am Unfallort nahm. Sie habe wohl Fenstertüren und Läden geöffnet und einen Schritt gemacht. «Da lag ich schon unten.»