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BALGACH/ZÜRICH: «Ich mache keinen Gummibärli-Pop»

Der 27-jährige Balgacher Alexander Frei startet durch: Mit dem Künstlernamen Crimer mischt er die Schweizer Musikszene auf. Der Mix von Tanzbarkeit und Melancholie macht seine Musik aus. Er nennt das Genre Wave-Pop.
Remo Zollinger
Alexander Frei sagt, der Name Crimer passe zu ihm und seiner Erscheinung – weil er vom Publikum sehr viel fordert und die Songs auch düster, melancholisch sein können. (Bild: pd)

Alexander Frei sagt, der Name Crimer passe zu ihm und seiner Erscheinung – weil er vom Publikum sehr viel fordert und die Songs auch düster, melancholisch sein können. (Bild: pd)

Remo Zollinger

Er sieht brav aus mit seinem Bubengesicht und dem Mittelscheitel. Besonders für einen, der sich Crimer nennt. Er ist aber auch kein Rapper, seine Musik ist Gesang, Synthesizer und E-Gitarre, begleitet von schrägem Tanz. Alexander Frei hat damit Erfolg. Das Video zur Single «Brother­love» wurde auf Youtube schon 35'000-mal angeklickt.

Crimer ist ein gefragter Mann. Ich treffe ihn und seine Managerin im «Les Halles», einer Kneipe mitten in Zürichs Hipster-Quartier Kreis 5. Direkt neben dem Prime Tower und dem Bahnhof Hardbrücke.

Crimer, das Online-Magazin Vice Switzerland hat Ihr Musikvideo als «das beste der Welt» bezeichnet.

Ich finde Vice cool, die werfen gerne mit Superlativen um sich. Ich weiss nicht, ob ich so etwas über meine eigenen Sachen sagen würde. Ich kann sie ja nicht objektiv beurteilen. Die Feedbacks, egal ob von Eltern, Kollegen oder irgendwelchen Oberhipsters, waren aber schön. Und ein Zeichen, dass der Clip cool geworden ist. Es war viel Arbeit, gemessen an unseren Möglichkeiten ist sicher das Beste herausgekommen, was wir machen konnten.

Noch ein Superlativ: Für Vice sind Sie der Retrogott. Warum?

Wenn die Leute den Clip sehen und dann im Internet nach mir suchen, denken vielleicht viele, ich sei aufgesetzt. Ich versuche aber nicht absichtlich, altmodisch zu sein. Ich bin so wie im Videoclip: Ich trage diese Kleider fast immer, tanze auch immer so. Ich mag nun mal die Synthis, die Snares, die nach Songs aus den 80ern klingen, die mich mehr berühren als moderne Musik.

Sie tragen diese Kleider fast immer?

Ja, fast. Ich arbeite zurzeit als Zivildienstler in einer Kinderkrippe. Da kann ich nicht immer nur in Schwarz rumlaufen – ich will den Kindern ja keine Angst machen. Die Kleidung ist ein wichtiger Teil von mir. Ich kleide mich nicht besonders bequem, dafür aber so, wie ich mich wohl fühle. Es ist nicht besonders waghalsig oder schrill, trotzdem finden das die Leute. Ich passe mich halt keinen modernen Modetrends an.

Ich musste zum ersten Mal ein Label kontaktieren, um mich mit einem jungen Rheintaler zu treffen.

Ich bin nicht der, der von sich aus auf die Medien zugeht. Eine kurze Story dazu: Meine Eltern waren zwar nicht gegen meinen Weg, haben mich aber auch nie besonders gepusht. Als das Ganze dann etwas ins Rollen geriet, fragte mich mein Vater, warum in den Rheintaler Zeitungen nie etwas über mich stehe. Und ob er die Zeitungen kontaktieren solle. Ich sagte: «Papa, wehe du machst so etwas!» Ich will so interessant sein, dass die Medien auf mich zukommen. Das geschieht dann über die Plattenfirma, weil sie mir extrem viel Arbeit abnimmt. Ich habe unmöglich auch noch die Zeit, mich selbst um Termine zu kümmern. Das Management erlaubt es mir, mich auf meine eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren. Mediengespräche gehören dazu, ich finde es cool, dass ich zurzeit so viele davon habe.

Was fühlen Sie, wenn SRF3 schreibt, 2017 führe kein Weg an Crimer vorbei?

Ich hoffe natürlich, die Leute kommen nicht um mich herum. Dass sie denken, «Hey, den müssen wir schauen gehen!» und an eine meiner Shows kommen. An der Aussage ist wohl schon etwas Wahres dran, SRF3 pickt ja nicht einfach ziellos Leute heraus. Die finden mich vielleicht cool, speziell, poppig, künstlerisch gut. Das würde ich unterschreiben, ich finde ja auch cool, was ich mache. Und ich hoffe, dass es die Leute bewegt.

Verbinden Sie mit Ihrer Musik eine Botschaft?

Meine Songs enthalten Botschaften, viele persönliche. Die kommen mir aber spontan in den Sinn, es gibt nichts, worauf ich mit dem Finger zeige. Ich verfolge keine Agenda. Ein Beispiel: Der Song «Brotherlove» fand in der Homosexuellen- und Transgender-Szene viel Anklang, was nicht geplant war. In der Szene dachten viele, ich setze mich für sie ein, das hat sich aber einfach so ergeben und war kein Marketing-Ding. Unglücklich war ich darüber aber nicht, ich finde ja auch, diese Leute sollten die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben wie Heterosexuelle.

Besteht so nicht die Gefahr, plötzlich von einer «falschen» Szene Zuspruch zu bekommen?

Klar besteht diese Gefahr. Zum Glück ist das aber noch nie passiert. Ich würde mich dann sofort davon distanzieren, besonders wenn es ins politisch rechte Spektrum ginge. Aber da interessiert man sich wohl ohnehin nicht für meine Musik.

Auf Facebook haben Sie ein Bild gepostet und dazu geschrieben: «Lektion 1, Social-Media-Grundkurs: Zeige Menschenmasse, die für deine Show Schlange steht». Sind Sie eine Ich-AG?

Für Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, sind Social Media wichtig. Die Fans wollen mit coolem Inhalt gefüttert werden. Das machen meiner Meinung nach viele falsch. Ich mache es so, wie es mir gefällt: Irgendwo zwischen humorvoll und ernst. Ich mache die Einträge selbst, auch die Pressetexte. Ich bin also schon eine Ich-AG, ja. Denn auch die Songs schreibe ich selbst, ich programmiere Schlagzeug, Synthesizer und so weiter. Trotzdem bin ich froh, auf einen Background zählen zu können, der viel für mich organisiert.

Was für ein Gefühl ist es, Fans zu haben?

Es ist ein cooles Gefühl, wenn plötzlich Leute mit ausgedruckten Fotos von dir auf dich zukommen und ein Autogramm wollen. Ich mache aber nicht erst seit «Brotherlove» Musik, ich hatte schon früher Leute bei den Shows. Neu ist, wie viele mir unbekannte Leute kommen.

Ist das eine Bestätigung, im Musikgeschäft angekommen zu sein?

Definitiv! Wie gesagt, kann ich meine eigenen Sachen ja kaum objektiv beurteilen. Wenn jetzt immer mehr «fremde» Leute kommen und sich von meiner Musik angesprochen fühlen, ist das eine Bestätigung.

Haben Sie Groupies?

Wer in der Öffentlichkeit steht, hat nach aussen eine gewisse Wirkung. Ich lasse mich aber nicht auf Flirts ein, das ist nicht meine Art. Es schmeichelt mir, aber ich bin da sehr zurückhaltend. Meine Musik ist ja auch keine Teenie-Kreisch-Musik, sondern spricht Leute an, die einen gefestigten Musikgeschmack haben. Ich habe meinen gefunden, höre keine Musik mehr, die ich als Teenie gehört habe. Ich kann auch gut damit leben, wenn jemand meine Musik uncool findet. Auch ich finde einiges nicht cool, das trotzdem seine Daseinsberechtigung hat.

Ist das ein Plädoyer gegen Bad-Taste-Parties, an denen sich die Leute über die Musik – meistens die aus den 90er-Jahren – lustig machen?

Das kann man so verstehen. Aber es gibt immer Musik, die eine zeitlich eng begrenzte Erscheinung ist. Dazu gehört viel, was in den 90ern erschienen ist. Diese Eurodance-Sachen, die waren ja auch eine Katastrophe! Meine Musik kommt aus den 80ern. Vieles davon hat bis heute überlebt, die Leute finden es klasse Tracks. Ich blieb und bleibe daran kleben, weil diese Musik keine Modeerscheinung ist.

Ist es also ausgeschlossen, dass Crimer später mal andere Musik macht?

Nein, überhaupt nicht. Auch ich habe mich im musikalischen Schaffen weiterentwickelt. Und verändere mich auch weiterhin. Daher schliesse ich nicht aus, mich für andere Einflüsse beigeistern zu können. Was ich jetzt mache, sind einfach Sounds und Klänge, die ich cool finde.

Ihr Name könnte auch der eines Gangster-Rappers aus der New Yorker Bronx sein. Passt «Crimer» zu Ihnen?

Ich finde, mein Name entspricht meiner Erscheinung, vor allem auf der Bühne. An einer Show bin ich sehr fordernd, will das Publikum einbeziehen und den Funken springen lassen. Das kann unsympathisch, ja sogar unfreundlich herüberkommen, aber ich habe einfach diese Energie, die ich fliessen lassen will. Der Name passt gut zum Bühnenauftritt, der schon mal düster sein kann. Ich meine es mit der Musik ja auch ernst und mache keinen Gummibärli-Pop.

Bald erscheint Ihr erstes Album. Was dürfen die Fans erwarten?

Die Musik auf dem Album wird sehr tanzbar. Wie das Lied «Brotherlove», das sicher die poppigste Nummer der CD ist. Oder wie die Medien sagen: Eine Radionummer …

Stimmt es denn, dass alle Musiker eine solche Radionummer brauchen?

Ich weiss es nicht. Ich schreibe grundsätzlich keine Musik fürs Radio, sondern solche, die mir gefällt. Wenn ein Song eine Radionummer wird, habe ich sicher nichts dagegen, ich arbeite aber nicht nach diesen Normen. «Brotherlove» wurde einfach zur Radionummer. Der Song hat einen klassischen Aufbau, ist fröhlich, schnell, «up tempo». Er funktioniert.

Zurück zum Album?

Ja. Wie gesagt, der Sound ist sehr tanzbar, hat aber auch eine gewisse Melancholie. Ich mache keinen «Bubblegum-Pop», ich singe über ernsthafte Themen. Die Musik auf der EP wird bei vielen Erinnerungen wecken. Ein Musikkritiker hat gesagt, ich hätte «von allen alten Sachen Dinge herausgepickt und sie hereingenommen». Die Gitarre klinge nach The Cure, der Synthesizer nach New Order, die Stimme nach Dave Gahan von Depeche Mode. Und er meinte das positiv. Für mich ist das ein schönes Kompliment.

Hinweis

Crimers erste EP mit dem Titel «Preach» erscheint am Freitag, 28. April. Mehr Informationen unter: yoca.do/crmrprch und www.crimer.ch.

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