AU/HEERBRUGG: Bald «nur» noch Sänger

Martin Pozivil bleibt der Rheintalischen Singgemeinschaft treu, nimmt Ende Jahr aber Abschied von seinem Amt als Präsident. Er wünscht sich, dass die Singgemeinschaft weiterhin die Klassik pflegt.

Gert Bruderer
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Martin Pozivil: «Die Singgemeinschaft bleibt auf dem Boden der Realität, streckt sich aber nach dem Himmel.» (Bild: Gert Bruderer)

Martin Pozivil: «Die Singgemeinschaft bleibt auf dem Boden der Realität, streckt sich aber nach dem Himmel.» (Bild: Gert Bruderer)

Gert Bruderer

Werke von Fauré und Mendelssohn erklingen morgen. Dvoráks Requiem oder Händels Oratorium «Israel in Egypt» kann sich der ehemalige Kantilehrer für ein abendfüllendes Programm der nächsten Jahre vorstellen. Es sei schön und wichtig, an die Grenze eines guten Laienchors zu gehen, sagt der Heerbrugger und bringt den Ehrgeiz der Singgemeinschaft so auf den Punkt: «Wir bleiben immer auf dem Boden der Realität, aber strecken uns nach dem Himmel.»

Dem Genre treu bleiben

Möglichst facettenreich wünscht der scheidende Präsident sich die Kultur. Die Singgemeinschaft sei eine dieser Facetten. So hofft Pozivil, dass der Chor, der eine Verjüngung vertragen könnte, nicht der Versuchung erliegt, sich an den Mainstream anzulehnen. Bedeutsam bleibe die Singgemeinschaft, wenn sie ihrem Genre treu und somit klassischer Musik verpflichtet bleibt.

Singen als eine Art billige Wellnesskur

Pozivil, der 1969 mit den Eltern und dem (in Au lebenden) Bruder aus der damaligen Tschechoslowakei in die Schweiz kam, hat schon immer gern gesungen. Er war seit seinem ersten Schul­- tag Chormitglied und schätzte bereits als Kind die Musik Mozarts oder Jacques Offenbachs Oper «Hoffmanns Erzählungen». Überhaupt gab es in Prag, wo der Chemie- und Physiklehrer aufwuchs, viel Kultur; auch die Domspatzen aus Regensburg hörte er dort.

Zwei, drei Jahre nach der Ankunft in der Schweiz, mit 18, trat Martin Pozivil gewissermassen «in einer persönlichen Aufbauphase» dem Kirchenchor Heerbrugg bei. «Singen war eine Art billige Wellnesskur», sagt er in Verbindung mit dem Satz, dass jede Aufbauphase ihre Turbulenzen kenne. Singen habe ihn entspannt und ihm bei seiner Inte­gration geholfen. Als Sänger kam er schneller unter Menschen.

Seit Beginn der Achtzigerjahre gehört er der Rheintalischen Singgemeinschaft an, die er nun zwölf Jahre geführt hat. Ab nächstem Jahr bilden Silvia Gobbo aus Berneck und Dario Canal aus Balg­ach ein Co-Präsidium. «Man tut einem Verein nichts Gutes, wenn man zuwartet, bis man als Präsident fast mit dem Rollator kommt», sagt Martin Pozivil. Eine Blutauffrischung sei sinnvoll, eine junge Leitung ziehe eher neue junge Sänger an. Oder Sängerinnen, denn knapp zwei Drittel des Chores sind Frauen. Der Altersdurchschnitt: nicht weit unter sechzig.

Martin Pozivil bedauert, dass das Singen seiner Beobachtung nach an Stellenwert verloren hat. Ob in Familie oder Schule, der Trend weise nach unten, was das Nachwuchsproblem zumindest teilweise begründe. Die Rheintalische Singgemeinschaft begegnet der Entwicklung zum Beispiel mit dem Einbezug junger Sängerinnen und Sänger bei Weihnachtskonzerten.

Mehr Vertrauen ins heimische Schaffen haben

In Erinnerung bleiben Martin Pozivil aus seiner Zeit als Präsident sicher die Stabat-mater-Aufführung vor einigen Jahren, die Kulturnacht von 2014 oder die letztjährige Darbietung («Der Stern von Bethlehem»).

Dass mitunter ein Eintrittspreis von 25 oder 30 Franken beanstandet wird, befremdet Martin Pozivil. Andernorts würden Preise von 50 oder mehr Franken anstandslos für ein Konzert bezahlt, aber daheim habe ein angemessener Preis öfter abschreckende Wirkung. «Die Rheintalerinnen und Rheintaler», findet der leidenschaftliche Sänger, «könnten ruhig etwas mehr Vertrauen in die eigenen Kulturschaffenden haben.»

Hinweis

Konzert der Rheintalischen Singgemeinschaft: Sonntag, 26. November, 17 Uhr, katholische Kirche in Au; Eintritt 25 Franken, Studenten 10 Franken, Kinder in Begleitung gratis.