Aufrecht, in Würde: Der Angeklagte

Zweifellos hat er gewusst, dass es auf ihn zukommen würde: Verrat, Fesseln, und jetzt das Verhör. Er hatte nie leicht dahingeredet, wohl aber seine Meinung pointiert dargelegt. Mit anderen Worten: Er wusste, was er sagte. Die Leute waren ihm nachgelaufen, hatten sich verstanden gefühlt.

Ingrid Grave, Dominikanerin In Zürich
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Zweifellos hat er gewusst, dass es auf ihn zukommen würde: Verrat, Fesseln, und jetzt das Verhör. Er hatte nie leicht dahingeredet, wohl aber seine Meinung pointiert dargelegt. Mit anderen Worten: Er wusste, was er sagte. Die Leute waren ihm nachgelaufen, hatten sich verstanden gefühlt. Die staatlichen und religiösen Ordnungshüter hingegen hatten ihn durchwegs beargwöhnt.

Gefesselt steht Jesus nun vor dem Hohepriester Hannas (Joh 18, 1–24). Der befragt ihn über seine Lehre und über seine engste Anhängerschaft. Jesus weist darauf hin, dass er in aller Öffentlichkeit gesprochen habe, und der Hohepriester möge die zahlreiche Zuhörerschaft befragen. Daraufhin versetzt einer der umstehenden Diener Jesus einen Schlag ins Gesicht: So redet man nicht mit dem Hohepriester. Jesus bleibt aufrecht und klar: «Wenn es nicht recht war, was ich sagte, so weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?»

Eine Antwort des Dieners wie auch eine Reaktion des Hohepriesters sind nicht überliefert. War der eine wie der andere je auf seine Art mit diesem Angeklagten überfordert? Hannas zieht sich aus der Affäre, indem er Jesus abschiebt an seinen Amtskollegen Kajaphas. Doch auch dieser gerät offenbar mit dem ungewöhnlichen Angeklagten an seine Grenzen. Für beide priesterlichen Amtsträger war der gerade, offene Blick eines Schuldlosen wohl schwer auszuhalten.

Kein Wunder, auch Kajaphas schiebt den «Fall Jesus» weiter an die nächste, an die politische Instanz, an Pilatus, den Vertreter der römischen Besatzungsmacht. Die klaren, aber spärlichen Aussagen des Angeklagten scheinen auch den hartgesottenen Römer zu irritieren. Er findet keine Schuld an ihm, wäscht sich symbolisch die Hände (Mt 27, 24) und überlässt den Angeklagten seinem Schicksal.

Es ist Nacht. Um einiges eklatanter hat der Evangelist Johannes – all dem vorausgehend – die Szene der Verhaftung beschrieben. Jesus hatte sich bei einbrechender Dunkelheit mit einigen Getreuen in einen nahen Garten zurückgezogen. Doch jemand aus dem engsten Freundeskreis hat Verrat geübt. Es naht sich eine bewaffnete Kohorte. Jesus tritt ihr entgegen: «Wen sucht ihr?» «Jesus von Nazareth.» «Ich bin es.»

Wahrscheinlich hatten sich die bewaffneten Gerichtsdiener der Hohepriester darauf eingestellt, einen Flüchtigen jagen zu dürfen. Das unerwartete in Freimut und Würde ausgesprochene «Ich bin es» lässt sie zu Boden stürzen.

Jesus verbietet sich jedes Handgemenge zu seiner Verteidigung. Noch einmal die gleiche Frage an die Geschockten: «Wen sucht ihr?» Damit ist der Prozess in Gang gesetzt, der am nächsten Tag mit der Hinrichtung Jesu endet. Karfreitag, bis heute die aufrüttelnde Erinnerung an den gewaltsamen Tod eines Gerechten – wie die Bibel jene Menschen bezeichnet, die aufrecht ihren Weg gegangen sind.

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