Aufhören, sich selbst zu entwerten

Kennen Sie auch Sätze wie diese? Du musst dich zusammenreissen! Immer die Zähne zusammenbeissen und durch! Man muss auch mal zurückstecken! Jetzt ist aber Schluss mit lustig! Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Ohne Fleiss gibt es keinen Preis!

Jürgen Kaesler, Pfarreibeauftragter In Rüthi
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«Die frohe Botschaft» ist ein Geschenk Gottes, sich von Zwängen zu befreien. Wir müssen uns nicht wie eine Orange auspressen lassen. (Bild: Shutterstock)

«Die frohe Botschaft» ist ein Geschenk Gottes, sich von Zwängen zu befreien. Wir müssen uns nicht wie eine Orange auspressen lassen. (Bild: Shutterstock)

Kennen Sie auch Sätze wie diese? Du musst dich zusammenreissen! Immer die Zähne zusammenbeissen und durch! Man muss auch mal zurückstecken! Jetzt ist aber Schluss mit lustig! Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Ohne Fleiss gibt es keinen Preis!

Diese oder ähnliche Sätze werden uns in die Wiege gelegt. Sie begleiten uns wie ein Reim ein Leben lang. Zwar ist da auch viel Richtiges dran. Aber wenn diese Sätze zu gemeisselten Sätzen, zu Leitsätzen werden, zu einem Kompass, der das ganze Leben prägt, dann wird es etwas einseitig. Im schlimmsten Fall verliert man die Lust am Leben und versinkt irgendwann in der Überforderung.

In der Fastenzeit hört man häufiger: Kehrt um und glaubt an das Evangelium! Dies ist ein Wort aus der Bibel, aus dem Neuen Testament. Dieses Wort prägt zudem die Fastenzeit bis Ostern. Der Verdacht drängt sich auf, dass dies ein Spruch ist, der uns innerlich antreiben möchte. Wenn Jesus zur Umkehr ruft, dann spricht er nicht von Askese und Verzicht auf das, was das Leben schön macht. Es geht gerade nicht um freudloses Bemühen, um ein Tun, das nur um sich selbst kreist, um Schweiss und Tränen. Das haben die Menschen schon mehr als genug. Deshalb kommen sie ja zu Jesus; das muss er ihnen nicht noch zusätzlich verordnen.

Evangelium ist griechisch und heisst «die frohe Botschaft». Und diese Botschaft sagt: Es geht nicht um unsere Leistung, nicht um noch mehr Anstrengung, sondern um Gottes Geschenk, um die Befreiung von Zwängen und Ängsten. Um Gefühlszustände, die mich am Leben hindern und die Lebensfreude wie einen Staubsauger in sich hineinsaugen.

Wenn ich vertieft das Evangelium lese, dann wird das, was mich am Leben hindert, was aber von aussen immer wieder als Forderung auf mich zukommt, gleichsam verbrannt: das Perfektionsstreben, die eigene Mutlosigkeit, die Vorstellung, man müsste sich den Himmel – und alles andere noch dazu – verdienen.

In der Fastenzeit sind wir eingeladen, auf Verhaltensweisen zu verzichten, mit denen man sich selbst und anderen schadet. Vielleicht hilft es, über den Verzicht, etwas Süsses zu essen, hinauszugehen oder über den Verzicht, Alkohol zu trinken oder darüber, weniger Fernsehen zu schauen.

Es kann durchaus auch etwas ganz anderes sein – zum Beispiel: Ich nehme mir vor, in diesen Wochen vor allem darauf zu verzichten, mich selbst zu entwerten und andere zu bewerten. Ich meine, das ist ein ziemlich anspruchsvolles Vorhaben, etwas anspruchsvoller noch, als auf etwas Süsses zu verzichten. Und wenn ich dazu dann ab und zu mal eine Tafel Schokolade verspeise, dann ist das nicht so schlimm. Es ist eine Ermutigung der Fastenzeit, dass wir wieder lernen, in Frieden mit uns selbst zu leben, friedvoller mit uns selber umzugehen, dann können wir auch mit anderen friedvoller umgehen. Es ist eine Einübung, die immer wieder auch ein Neu-Anfangen mit einschliesst. Denn wer ist schon perfekt (ich schon gar nicht)? Aber ein Anfangen und ein Einüben, das ist ein gutes Programm für die Fastenzeit, um neue Perspektiven zu gewinnen und sich von Ballast zu befreien.