Auf den Spuren der Keramikkünstler: Ein Forscher will auf die einst so berühmte Schweizer Keramik aufmerksam machen

Die Schweizer Keramik war einst weltberühmt, geriet jedoch in Vergessenheit. Der Thaler Forscher Angelo Steccanella will das ändern.

Melissa Müller
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Angelo Steccanella mit einer bäuerlichen Vase aus dem Berner Oberland.

Angelo Steccanella mit einer bäuerlichen Vase aus dem Berner Oberland.

Bild: Michel Canonica

Alles begann mit einer hauchdünnen Schale, die wir in einem Antiquitätengeschäft erstanden. Eine kleine Spirale, die auf der Unterseite eingraviert ist, weckte unsere Neugier: Wer hat dieses Meisterstück geschaffen? Ein Freund, der sich mit Keramik auskennt, vermutet, dass es die berühmte Bernerin Margrit Linck sein könnte. Doch Linck signierte ihre eleganten Werke mit einem Fisch. Ihr Mitarbeiter Jakob Gelzer signierte mit einem Vogel.

Im Netz stossen wir auf die Seite ­antik-und-rar.ch des Thaler Keramik­experten Angelo Steccanella. Er führt ein Verzeichnis mit Schweizer Keramiksignaturen – damit Sammler und Keramikinteressierte herausfinden können, wer das Stück, das ihnen gehört, hergestellt hat. So gelingt es, das Rätsel der Schale zu lüften: Die Spirale stammt von der Aargauer Töpferin Liselotte Wiesendanger.

«Endlich jemand, der sich für Schweizer Keramik interessiert. Kommen Sie doch vorbei», sagt Steccanella. Kurz darauf stehen wir in seinem Antiquitätengeschäft an der Hauptstrasse 61 in St.Margrethen. Es ist voll mit chinesischen Vasen, Statuetten von Frauen, in den Regalen stapeln sich Teller, Vasen und Schälchen vom Boden bis zur Decke. Angelo Steccanella sitzt mit einer Kiste voller Geschirr vor dem PC. Er verkauft die Stücke nicht nur günstig, er forscht auch damit. Die wertvollsten Teile bietet er Museen an. Vieles findet er in Brockenhäusern und im Netz.

Zuerst fand er Keramik langweilig

Vor acht Jahren kam der ehemalige Religionslehrer, der Kirchenschätze inventarisierte, erstmals mit dem Thema Keramik in Kontakt. Ein Kurator am Landesmuseum in Zürich fragte ihn an, ob er ihm nicht ab und zu ein Stück aus der Ostschweiz schicken könne für die Sammlung. «Erst dachte ich, Keramik sei langweilig», sagt der 60-Jährige, der zuvor Forschung für Goldschmiedearbeiten betrieben hatte. Er war sich gewohnt, Goldschmiedezeichen, die sogenannten Punzen, zu dokumentieren. Steccanella stellte fest, dass bei der Keramik ein solches Verzeichnis von Signaturen fehlte. Mehr noch: «Die Schweizer Keramik des 20. Jahrhunderts ist praktisch unerforscht.» Diese Lücke will er füllen.

In Deutschland ist dies anders, dort blättern Sammler für eine Vase der Karlsruher Majolika Manufaktur gerne mal 1000 Euro hin. «Wir haben in der Schweiz ebenbürtige, teilweise sogar noch bessere Keramiken, die zu einem Bruchteil des Preises erhältlich sind», sagt Steccanella, der an einer Gesamtschau arbeitet. «Das wird mir nicht gelingen, denn es sind zu viele Töpfer.» Allein in Berneck waren vor 150 Jahren 17 Töpfer tätig. Heute gibt es nur noch einen: Fred Braun, der den Betrieb seines Grossvaters übernommen hat. Es gab von Berneck bis Lustenau ein hervorragendes Tonvorkommen. «Sie mussten quasi nur vor der Haustür graben.» Schweizer Keramik war weltbedeutend, manche Töpfereien exportierten in die USA.

Keramiken aus der «Töpferei am Weg» in St.Gallen, die von 1939 bis 1979 bestand. Die dort tätige Töpferin Gertrud Schwald signierte ihre Stücke mit einem Lindenblatt.

Keramiken aus der «Töpferei am Weg» in St.Gallen, die von 1939 bis 1979 bestand. Die dort tätige Töpferin Gertrud Schwald signierte ihre Stücke mit einem Lindenblatt.

Bild: Michel Canonica

In der Geschichte, die Steccanella aufarbeitet, spielen auch Frauen eine tragende Rolle. Etwa die 1899 geborene St.Gallerin Fanny Schlatter, die eine kunsthandwerkliche Ausbildung absolviert, töpfert, malt und ihre Bilder im Kunstmuseum St.Gallen ausstellt. «Sie war eine aussergewöhnliche Frau in einer Männerdomäne», sagt Angelo Steccanella. 1923, mit 25 Jahren, eröffnet Fanny Schlatter an der Wassergasse 30 ihr erstes Ateliergeschäft. Ihre Keramiken kennzeichnet sie mit ihren Initialen FS. Mit 30 heiratet sie den Berliner Töpfer Otto August Hermann Blumenthal. Die beiden betreiben an der Martinsbruggstrasse 62 im Osten von St.Gallen die «Töpferei am Weg», die bis in die 70er-Jahre besteht. Von nun an kennzeichnen sie ihr Geschirr mit einem S und einer Blume. Fanny Schlatter stirbt 1947 mit 48 Jahren. «Vermutlich hatten Schwermetalle ihre Gesundheit ruiniert», sagt Steccanella. «Viele Töpfer starben jung, weil sie sich vergifteten.» Grund waren Schwermetalle wie Blei, welche für die Glasuren verwendet wurden. Die Töpfer schliffen Tassen und Teller unten ab, damit sie stabil standen. Dadurch entstand giftiger Feinstaub.

Junge Witwe verlässt St.Gallen und wird berühmt

Nach Fannys Tod heiratet Otto Blumenthal 1949 eine Gesellin, die in der «Töpferei am Weg» aushilft: die 26-jährige Niederländerin Alitine Bouten. Er stirbt wenige Monate später und hinterlässt der schwangeren jungen Witwe seine Töpferei. Alitine Blumenthal-Bouten verkauft diese 1955 an Walter und Gertrud Schwald-Eichenberger und zieht mit ihrer Tochter zurück nach Waalre in Holland. Dort gründet sie die Töpferei «De Blauwe Dolfijn» (Blauer Delfin) und verwendet als Signatur einen Delfin. Alitine Bouten erlangt Weltruhm, ihre Werke werden heute international gehandelt. Bei Auktionen erzielt eine Vase von ihr gegen 2000 Dollar. «Sie hat Wahnsinnsglasuren gemacht.» Jeder Töpfer hatte dafür seine Rezepte, die streng gehütet wurden.

Doch zurück nach St.Gallen: Walter und Gertrud Schwald-Eichenberger betreiben die «Töpferei am Weg» weiter bis in die Siebziger. Ihre Pressmarke ist ein Lindenblatt. Sie töpfert, er ist Architekt und zeichnet Entwürfe. Die beiden bieten auch Baukeramik an, wie Platten für Küchen und Badezimmer. 1979 zieht Gertrud Schwald ins Tessin nach Cavigliano. Viele Töpfer lassen sich in jener Zeit als Aussteiger im Süden nieder. Nach ihrer Laufbahn als Töpferin widmet sich Gertrud Schwald der Meerschweinchenzucht.

Nebst der «Töpferei am Weg» ist in St.Gallen auch Willy Steinlin bekannt, der in seinem Studio in Rotmonten bis in die Achtziger zwölf Mitarbeiter beschäftigte. Für seine Services mit Kuhmotiven bezahlte die Kundschaft damals ein Vermögen. Heute findet man sein Geschirr im Brockenhaus.

Geschirrspülmaschine führt zum Untergang der Töpfereien

Der Niedergang der Keramik beginnt in den 70er-Jahren. Die Warenhäuser bringen englisches Steingutgeschirr auf den Markt, das günstiger und weniger zerbrechlich ist. Dann folgen die Asiaten mit dem billigen Porzellan. «Da hatten die Töpfer mit ihrer Handarbeit und ihren Schweizer Löhnen keine Chance mehr.» Zudem waren die Keramiken nicht geschirrspülmaschinentauglich. So gerieten sie aus der Mode.

Steccanella zeigt eine gelbe Vase. Auf der Rückseite befindet sich ein Lindenblatt – die Signatur der «Töpferei am Weg», als Gertrud Schwald an der Töpferscheibe sass. Ihre Ära ist vorbei– geblieben sind schlichte Keramiken mit kühnen Formen, die darauf warten, wiederentdeckt zu werden.